Kurzgeschichte: Wo das Glück wohnt ... erschienen im VPM Verlag 2010

Wo das Glück wohnt ...

 

Mami! Komm schnell, ich krieg´ den doofen Koffer nicht zu.!“

Ela Bachmann lächelte. Sie konnte sich ihre fünfjährige Tochter nur zu gut vorstellen, wie sie gerade verzweifelt versuchte, den riesigen Plüschaffen in ihren winzigen Kinderkoffer zu pressen.

Gleich Süße“, rief sie, „hab noch ein bisschen Geduld.“

Ungeduldig tippte Ela auf den Nachtschrank neben ihrem großen Ehebett, während sie wartete, von der Sekretärin ihres Ex - Mannes verbunden zu werden.

Bachmann, was kann ich für sie tun?“, ertönte kurz darauf die tiefe Stimme ihres Exmannes aus dem Hörer.

Ich wollte dir nur Bescheid geben“, erklärte Ela schnippisch, „dass wir die nächsten vier Wochen nicht hier sein werden.“ Sie legte eine Pause ein, weil sie es so spannend wie möglich machen wollte, doch Joachim Bachmann reagierte überhaupt nicht.

Ich werde mit unsrer Tochter morgen früh in den Urlaub aufbrechen.“ Wieder keine Reaktion. Ela seufzte. So weit waren sie also schon gekommen... Dass ihn noch nicht einmal interessierte, wohin sie mit ihrem gemeinsamen Kind in den Urlaub fuhr. „Ela...“ Die Stimme ihres Exmannes klang ungeduldig. „Komm auf den Punkt. Du und Svenja ihr fahrt in den Urlaub. Gut. Und wohin?“ Joachim Bachmann seufzte theatralisch, worauf hin in Ela heiße Wut hoch schwappte. Das war typisch für ihren Exmann. Er hatte nicht einmal fünf Minuten für sie und ihr gemeinsames Kind übrig. In seinem Kopf existierten nur sein Job und Beate, seine 25jährige Sekretärin, wegen der er Ela verlassen hatte. Sie schnaubte zornig. „Auch wenn es dich vielleicht nicht interessiert: Svenja und ich fahren nach Südfrankreich, um uns vier Wochen lang die Frühlingssonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Ich dachte mir, da du in der Vergangenheit sowieso kaum Zeit für deine Tochter hattest, würde es dir nichts ausmachen, wenn die nächsten Papa-Wochenenden ausfallen..“ Mit angehaltenem Atem wartete Ela die Reaktion ihres Ex-Mannes ab.

Ich muss dir was sagen.“ Plötzlich klang Joachims Stimme unsicher: Ela erschrak. So etwas kannte sie von ihm nicht. Selbst als er ihr, vor etwas mehr als einem Jahr gestanden hatte, sich in eine andere Frau verliebt zu haben, hatte seine Stimme fest und selbstsicher geklungen. Beinahe so, als besäße er jedes Recht der Welt, seine Frau und seine Tochter von einem Tag auf den anderen einfach so zu verlassen.

Beate ist schwanger. In vier Monaten ist es soweit... Es wird ein Junge.“ Die Worte waren aus dem Mund ihres Exmannes quasi heraus gesprudelt, fast, als wolle er sich endlich davon befreien...

In Elas Kopf begann es heftig zu pochen Ihre Migräne kam zurück. Sie stöhnte leise. In Gedanken überschlug sie blitzschnell die Fakten. Vor vierzehn Monaten waren Joachim und sie noch ein glückliches Ehepaar gewesen. Sie hatten sich geliebt, respektiert und vertraut. Zumindest hatte Ela dies zu diesem Zeitpunkt geglaubt. Bis ihr Mann eines Abends nach Hause kam und ihr von Beate erzählt hatte. Wie klug und gewitzt sie war und wie wunderschön. Ela hatte nicht verstanden und nur verständnislos mit den Schultern gezuckt. „Ich verlasse dich und ziehe zu ihr“, hatte Joachim erklärt und sie mitleidig angesehen. Ela hatte trotzdem nicht verstanden. Sie erinnerte sich, wie Joachim genervt mit dem Kopf geschüttelt hatte, beinahe so, als würde ihm nicht seine Frau, sondern ein begriffsstutziges Kind gegenüber stehen.

Na wegen Beate. Ich liebe sie und will mir ihr zusammen leben, deswegen lasse ich mich von dir scheiden..“ Nach diesen Worten hatte er sich einfach umgedreht und angefangen, seine Taschen zu packen. Ela war daraufhin zusammen gebrochen.

 

Fast zwei Wochen war sie nicht ansprechbar gewesen, hatte ihre Umwelt nur durch einen neblig grauen Schleier wahrgenommen. Sie hatte sich auf ihrer Seite des Ehebetttes zu einer Kugel zusammen gekrümmt und einfach nur vor sich hin gestarrt, unfähig auch nur eine Träne zu vergießen.

Svenja war während dieser Zeit bei ihrer Großmutter gewesen. Sie sollte von all dem nichts mitbekommen. Vorerst nicht.

Dann, nach den zwei Wochen hatte Ela all ihren Mut zusammen genommen und beschlossen, Joachim in der Firma anzurufen, um einen Termin zu vereinbaren. „Wir müssen reden“, hatte sie in den Hörer gestottert, „wegen Svenja.“

Bei jenem ersten Gespräch nach seinem Auszug wurde vereinbart, dass sie die Scheidung sauber und ohne Streit hinter sich bringen würden und dass ihre gemeinsame Tochter, durch die Trennung ihrer Eltern, keinerlei Nachteile davon tragen sollte.

Elas Zorn wuchs, wann immer sie an das Gespräch von damals zurück dachte.

Joachim war es gewesen, der darauf bestanden hatte, dass gemeinsame Sorgerecht zu beantragen. „Ich will den Kontakt zu meiner Tochter aufrecht erhalten“, hatte er gesagt, „und dazu gehört, dass ich mein Kind öfter als nur zweimal im Monat an den Wochenenden sehen darf.“

Ela war einverstanden gewesen und hatte dem zugestimmt. Doch schon kurz darauf, löste sich Joachims Verantwortungsbewusstsein gegenüber seiner Tochter in Wohlgefallen auf. Er rief immer seltener an, sagte dauernd seine Termine ab, bis eines Tages genau das eintraf, was er eigentlich hatte vermeiden wollen - nämlich sein Kind nur alle vierzehn Tage am Wochenende zu sehen.

Genau deswegen war Ela so wütend. Es tat ihr schrecklich leid für ihre Tochter Svenja, die sehr an ihrem Vater hing und gerne öfter mit ihm zusammen wäre.

Zum anderen tat es immer noch weh, einfach abgestreift worden zu sein, wie ein alter, nicht mehr benötigter Schuh. Ela straffte ihre Schultern. So weit würde es noch kommen! Dass sie sich heute, über ein Jahr nachdem Joachim gegangen war, erneut den Boden unter den Füßen wegziehen ließ. Sollte er doch glücklich werden mit dieser Beate. Von ihr aus sollten sie am besten gleich eine ganze Fußballmannschaft an Nachwuchs bekommen. Ela grinste biestig. Ja genau! Das war es. Sie wusste, dass Joachim kein großartiger Familienmensch, geschweige denn Vater war. Deswegen wünschte sie ihm hier und heute, dass sich seine blutjunge Freundin noch viele weitere Kinder von ihm wünschte. Plötzlich wurde Ela bewusst, dass ihr Exmann noch immer am anderen Ende der Leitung war. Sie nahm sich zusammen. Bloß keine Emotionen zeigen...

Das ist ja fantastisch“, kam es heiter über ihre Lippen. „Ich freue mich ja so für euch beide. Richte deiner Freundin doch bitte meine Glückwünsche aus..“ Erfreut registrierte sie Joachims Gestammel auf ihre gespielte Begeisterung und legte auf.

Nachdenklich lief sie die Treppe hinauf, zum Zimmer ihrer Tochter.

Alle Anspannung fiel von ihr ab, als sie ihr kleines Mädchen mit Siegergesicht, auf dem prall gefüllten Kinderkoffer hocken sah. Die Ohren des Lieblingsaffens ihrer Tochter waren eingeklemmt zwischen den Kofferklappen. Svenja lachte glockenhell.„Siehst du Mami. Jetzt hab ich´s auch ganz ohne deine Hilfe geschafft.“

 

Am nächsten Morgen ging alles ganz schnell. Nachdem Ela ihrer Tochter Svenja ein Frühstück bereitet hatte, überprüfte sie alle Zimmer im Haus.

Ela wollte ihr Heim während ihrer vierwöchigen Abwesenheit in Sicherheit wissen. Allein der Gedanke, jemand könnte während ihres Urlaubs in ihr Haus einbrechen und ihre ganz privaten Besitztümer – ob wertvoll oder nicht – erkunden, bereitetet ihr Unbehagen. Sie schüttelte heftig den Kopf. Nein! Sie würde sich von ihrer Angst nicht die Vorfreude auf den Urlaub verderben lassen. Dennoch. Seit Joachim ausgezogen war, und sie mit ihrer kleinen Tochter allein in dem großen Haus lebte, achtete sie des Nachts auf jedes noch so leise Geräusch. Das Knacksen im Holzgebälk der Wendeltreppe und das Rütteln des Windes an den alten Fenstern, ließen sie beinahe jede Nacht aus dem Schlaf schrecken.

Ela schüttelte den Kopf. Vielleicht war sie deswegen in letzter Zeit so reizbar. Weil sie seit Monaten nicht mehr richtig durchgeschlafen hatte. Sie seufzte. Da gab es noch soviel, wovon sie sich erhoffte, dass es sich nach ihrem Urlaub in Wohlgefallen aufgelöst haben würde. Ängste und Sorgen ihre Zukunft betreffend. Schnell schob sie alle Bedenken beiseite und gab sich ganz ihrer Vorfreude hin. Denn obwohl in Deutschland immer noch Schnee lag, hatte es im Süden Frankreichs schon angenehme 20 Grad. Das bedeutete für Svenja und sie – endlose Spaziergänge am Strand, gemütliche Nachmittage in der Eisdiele sowie wohltuende, frische Meeresluft, welche auf Ela meist die Wirkung hatte, ihr den Kopf freizupusten. Und einen freien Kopf war genau das, was sie jetzt dringend brauchte. Deswegen bedeutete diese Reise wirklich alles für sie.

Nach ihrem Urlaub wollte Ela die Vergangenheit ein für allemal begraben und sich endlich wieder auf ihre und Svenjas Zukunft konzentrieren.

Komme was wolle“, murmelte sie entschlossen und zwang sich, optimistisch zu bleiben, „diesen Urlaub lassen wir uns auf keinen Fall vermiesen.“

 

Oh Mami, hier ist es wunderschön“, rief Svenja begeistert und rannte aufgekratzt durch das Haus. Ela war erschöpft, aber glücklich. Vor einer Stunde waren sie und Svenja am Ziel ihrer Reise angekommen – in Gruissan, einer netten Kleinstadt im Süden Frankreichs.

Hier hatte Ela ein wunderschönes Ferienhaus gemietet, ein sogenanntes Stelzenhaus – für Svenja eine Riesenüberraschung.

Immer wieder rannte das kleine Mädchen durch alle Zimmer des kleinen Häuschens, um das gesamte Anwesen herum, bis hin zum nahegelegenen Strand. Ela ging das Herz auf, als sie ihre Tochter so unbeschwert und glücklich sah. Rasch räumte sie die restlichen Klamotten vom Koffer in den Schrank und schlüpfte in bequemere Klamotten. Dann rief sie nach Svenja. Sie hatte der Kleinen unterwegs versprochen, sofort nach ihrer Ankunft, gemeinsam am Strand nach Muscheln zu suchen. „Es müssen aber viele sein, weil ich eine lange Muschelkette basteln möchte“, hatte Svenja eifrig erklärt und ihre Ankunft nur noch mehr herbei gesehnt.

Jetzt waren sie endlich da und obwohl es bereits dunkel wurde, konnte Ela nichts davon abhalten, ihrer Tochter diesen Herzenswunsch zu erfüllen.

Los geht’s mein Schatz“, sagte sie deshalb lächelnd und unterdrückte ein Gähnen, als Svenja wie der Blitz um die Ecke gefegt kam. „lass uns zum Strand gehen.“

 

Am nächsten Morgen wurde Ela von angenehm warmen Sonnenstrahlen geweckt. Sie fühlte sich einfach herrlich.. Rasch schwang sie sich aus den Federn um zu duschen. Als sie kurz darauf fertig angezogen in die Küche kam, saß ihre kleine Tochter bereits am Tisch und aß Cornflakes. „Guten Morgen Spätzchen“, sagte Ela und lächelte, „bist du schon lange wach? Sie sah ihre Tochter liebevoll an.

Nein, noch nicht so lange. Die Sonne hat mich an der Nase gekitzelt und davon bin ich aufgewacht“. Ela setzte Kaffeewasser auf und nahm sich ebenfalls eine Portion Frühstücksflakes. „Und? Was stellen wir zwei Mädels heute an“, fragte sie und sah ihre Tochter erwartungsvoll an. „Wir könnten zum Strand gehen und eine große Sandburg bauen“, rief Svenja begeistert und klatschte in die Hände. Ela lachte vergnügt. Ihre Tochter hatte recht. Die Bedingungen für einen Nachmittag am Strand waren perfekt. Während die Temperaturen in Deutschland mittlerweile auf unter 10 Grad minus gerutscht waren, hatte es hier schon am morgen angenehme 13 Grad. Der Tag versprach wunderschön und noch wärmer zu werden. Ela überlegte. Zuerst mussten der Kühlschrank und die Vorratsschränke aufgefüllt werden und anschließend wollte sie sich kurz im Ort umsehen. „Aber heute nachmittag“, versprach sie ihrer Tochter, „ da bauen wir zwei die größte Sandburg, die Gruissan je gesehen hat...“

 

 

Ela hatte es sich auf ihrem Strandtuch mit einem Buch gemütlich gemacht. Obwohl die Temperaturen tagsüber meist nie auf über 20 Grad kletterten, fühlte sich der Sand unter dem dünnen Frotteestoff angenehm warm an. Sie seufzte wohlig und rekelte sich träge. So sollte sich das Leben immer anfühlen... Hier gab es keinen Exmann, der vor Freude um sein junges Liebesglück seine bereits existierende Familie vergaß... Elas Sorgen und Ängste waren weit weg und es gab nur noch sie und ihr Kind. Glücklich lächelnd stand sie auf und schlenderte zu ihrer Tochter hinüber, die einige Meter weiter eine große Sandburg gebaut hatte und nun hoch konzentriert an einem Burggraben arbeitete.

Das kleine Mädchen lachte entzückt und klatschte vor Freude in die Hände, als sich Ela in den Sand gleiten ließ und kurzerhand mit grub. Plötzlich hielten beide inne und sahen in Richtung der Dünen. Etwa hundert Meter entfernt konnten sie einen Mann mit seinem Hund ausmachen. Sofort sprang Svenja begeistert auf und die Sandburg war vergessen. „Da kommt Sammy Mama, darf ich mit ihm spielen?“ Sie sah ihre Mutter so flehentlich an, dass Ela es nicht übers Herz brachte, ihrer Tochter diesen Wunsch abzuschlagen. „Gut, aber du bleibst auf alle Fälle in meinem Sichtfeld.“ Svenja jauchzte vor Freude und lief dem schwarzen Labrador entgegen. Kopfschüttelnd setzte sich Ela wieder auf ihr Strandtuch und nahm ihr Buch zur Hand. „Auch nicht schlecht,“ murmelte sie, „so lange Svenja mit dem Hund beschäftigt ist, kann ich noch ein wenig weiterlesen.“ Doch so sehr sich Ela auch anstrengte, sie konnte sich nicht mehr auf ihr Buch konzentrieren. Immer wieder glitt ihr Blick von ihrer Tochter, die fröhlich mit Sammy herumtollte, zu dessen Herrchen, der nun etwa zwanzig Meter von ihr entfernt im Sand saß und seinen starren Blick aufs Meer gerichtet hielt. Seine Gesichtszüge sahen hart und verbittert aus, er schien vom Leben schwer gezeichnet. Nur hin und wieder, wenn ihm Svenja und Sammy eines ihrer einstudierten Kunststückchen vorführten, huschte ein klitzekleines Lächeln über sein Gesicht.

Ela überlegte fieberhaft. Sollte sie einfach rübergehen und sich neben ihn setzen? Ihn in ein Gespräch verwickeln? Doch je mehr sie sich mit dieser Option beschäftigte umso klarer wurde ihr, dass dies überhaupt keine gute Idee war. Ela wusste von Gesprächen mit Einheimischen, dass dieser Fremde in einem Wohnwagen in den Dünen lebte – von den örtlichen Behörden aus reiner Gutmütigkeit geduldet. Von der Besitzerin der kleinen Patisserie im Ort hatte sie erfahren, dass dieser Mann, genau wie sie aus Deutschland kam und seit drei Jahren hier lebte. Man munkelte, ihm sei dort etwas so Grauenvolles widerfahren, dass ihm ein Leben in der alten Heimat unerträglich wäre. Ela erinnerte sich an den finsteren Gesichtsausdruck des Fremden, als sie einander zum ersten Mal am Strand begegneten. An dieses mürrische Kopfnicken, das wohl als Gruß gedacht war, sie wohl aber eher davon abhalten sollte, sich ihm zu nähern.

Und obwohl Ela sorgsam darauf bedacht war, ihm nicht zu nahe zu kommen, hatten sich ihre Tochter Svenja und der Hund des Mannes in den vergangenen zwei Wochen angefreundet und waren inzwischen unzertrennlich.

Ela streckte sich auf ihrem Tuch aus und zwang sich, ihren Blick auf ihr Buch zu richten.

Doch immer wieder schweifte ihr Blick in Richtung dieses Mannes, der, sah man von seinem schwermütigen Gesichtsausdruck ab, wirklich gut aussah.

 

Selbst als Ela Stunden später - Svenja schlief längst tief und fest in ihrem Bett - , mit einem Glas Rotwein auf das gemütliche Sofa ihrer Ferienwohnung sank und den Abend gemütlich ausklingen lassen wollte, konnte sie nicht aufhören, an diesen traurig aussehenden Mann vom Strand zu denken.

Er wirkt so verloren“, murmelte sie vor sich hin und nippte gedankenverloren an ihrem Wein. „Fast, als sähe er keinen Sinn mehr in seinem Leben...“

 

 

Mama, darf ich an den Strand zum Muscheln sammeln? Ich habe keine mehr und brauche für meine selbst gebastelten Geschenke mindestens noch einen großen Eimer voll.“

Ela lächelte ihr kleines Mädchen zärtlich an. Svenja war ein überaus zuverlässiges und vertrauenswürdiges Kind. Wenn man ihr nahe legte, sich vom Wasser fernzuhalten, dann tat sie dies auch - ohne wenn und aber..Was konnte es also schaden, wenn Svenja, bis das Mittagessen fertig war, am Strand Muscheln sammelte?

Na gut“, sagte Ela nach einer kleinen Weile, aber du musst mir versprechen, daran zu denken, was ich dir gesagt habe..“

Klar Mami“, rief Svenja überglücklich, „ ich bleib vom Wasser weg und sammele nur dort, wo du mich vom Küchenfenster aus sehen kannst...“

 

Ela war gerade dabei, auf der Terrasse hinter dem Haus den Tisch einzudecken, als ihr auf einmal heiß und kalt zugleich wurde. Die Bilder verschwammen vor ihren Augen und im ersten Moment dachte sie an einen Kreislaufkollaps.

Plötzlich wurde ihr wie ein Fausthieb bewusst, dass diese Reaktion ein Zeichen ihres Unterbewusstseins war. So wie damals, als Svenja im Alter von drei Jahren, von einer Wespe in den Mund gestochen worden war... Auch damals hatte Ela ihr kleines Mädchen nur für den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen gelassen...

Die große Salatschüssel aus Glas rutschte ihr aus den Händen und zerbrach am Boden in unzählige Scherben.

Elas Kopf fühlte sich in diesem Moment wie in Watte gepackt an. Sie war unfähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.

Dann, ganz plötzlich, funktionierte sie wieder... Panisch rannte sie die Treppen hinunter bis zum Strand. Ihre Füße hatten den warmen Sand noch nicht ganz erreicht, als sie unweit vom Wasser einen Mann registrierte, der eine reglos am Boden liegende Person beatmete.

Ihre Beine drohten nachzugeben, als ihr klar wurde, dass die reglose Person im Sand ihre kleine Tochter sein musste. Während Ela rannte, brach sich ein verzweifelter Schrei seinen Weg aus ihrer Kehle, bevor sie wimmernd und zitternd neben ihrem Kind zusammensackte...

 

Ihre Kleine ist eine richtige Heldin.“

Ela erschrak, als diese samtige, warme Stimme die Stille des Krankenzimmers durchbrach. Sie sah auf und erblickte im Türrahmen den Fremden vom Strand – Svenjas Lebensretter. Sie war sprachlos.

Ich weiß gar nicht wie ich Ihnen danken soll...“, stammelte sie dann und senkte beschämt den Kopf. „Ich habe nur eine einzige Sekunde nicht aufgepasst und schon...“ Ela stiegen die Tränen in die Augen. „Ich wollte nur schnell den Tisch decken, als es geschah..“ Ihre Stimme brach. Jetzt weinte sie hemmungslos.

Sie dürfen nicht so hart zu sich sein“, sagte der Fremde und war plötzlich ganz nah bei Ela. Sanft nahm er sie in seine Arme und strich ihr beruhigend über den Rücken. „Kinder sind bekannt dafür, dass ihnen manchmal Unsinn einfällt. Haben sie denn als Kind nicht auch den ein oder anderen Blödsinn angestellt?“

Die Worte des Fremden zeigten ihre Wirkung. Ela entspannte sich.

Mein Name ist übrigens Tom.“

Er musterte Ela freundlich und blickte anschließend liebevoll auf die immer noch fest schlummernde Svenja.

Ihre Tochter wollte meinen Sammy retten.“ Er schluckte hart. „Sie dachte wohl, dass er ertrinken würde und ist ihm ohne zu zögern ins Wasser gefolgt. Der starke Wellengang hat sie dann immer weiter nach draußen getrieben. Ich bin gerade noch rechtzeitig bei ihr gewesen...bevor...“

Erstaunt registrierte Ela, dass Toms Stimme brüchig klang. Sie sah auf und erkannte, dass er glasige Augen hatte. Wieso weinte dieser Fremde?

Ich hatte auch ein Kind“, flüsterte er plötzlich und zog sich einen zweiten Stuhl heran. „Einen Sohn. Jan wäre jetzt acht Jahre alt. Er starb vor dreieinhalb Jahren...“ Die Stimme des Mannes versagte.

Ela starrte ihn entsetzt an. „Warum...?“

Ein Unfall. Ich hatte keine Chance auszuweichen und während meine Exfrau und ich nahezu unverletzt blieben, starb unser Sohn Tage später an seinen schlimmen Kopfverletzungen.“

Plötzlich überkam Ela das überwältigende Bedürfnis, Tom in die Arme zu nehmen und ihm Trost zu spenden.

Sie konnte nur ahnen, wie er sich fühlen musste. Sie selbst hätte ihr Kind heute um ein Haar verloren. Nur dank dieses Mannes lag Svenja nun sicher und behütet in einem Krankenhausbett und schlief sich den Schock aus den Gliedern. Zögernd nahm Ela ihren Stuhl und schob ihn genau neben den von Tom. Als sie ihn schließlich in die Arme nahm, brach er fast unmittelbar in Tränen aus.

 

Ela summte fröhlich, während sie gemeinsam mit Svenja das Essen vorbereitete. Das Hähnchen brutzelte bereits im Ofen und verströmte einen köstlichen Duft, der ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

Meinst du Tom mag Hähnchen?“, fragte Svenja und sah ihre Mutter skeptisch an.

Ela lächelte. „Na, wenn nicht, dann können wir immer noch bei Luis anrufen und Pizza bestellen.“

Svenja grinste. „Ich glaube ja, dass du in Tom verknallt bist...“ Die Fünfjährige grinste noch breiter. „Habt ihr euch denn schon mal geküsst?“

Ela lief tiefrot an. Ihre Tochter lag gar nicht so sehr daneben! Seit jenem Nachmittag im Krankenhaus vor etwas mehr als einer Woche, hatte sich das Verhältnis zwischen ihr und Tom komplett verändert. Fast täglich trafen sie sich mittlerweile am Strand und redeten stundenlang miteinander. Ela wusste inzwischen alles über Tom und umgekehrt. Das er früher als Anwalt eine erfolgreiche Kanzlei geführt und diese seinem Bruder überschrieben hatte, nachdem sein Sohn verunglückt war. Auch seine Ehe hatte der Tragödie nicht standgehalten und ein Jahr nach dem Tod des Jungen, hatte sich Toms Frau von ihm getrennt. Sie hatte ihm unbewusst die Mitschuld am Tod des Kindes gegeben und konnte es zudem nicht ertragen, jeden Tag das Gesicht ihres verstorbenen Kindes in dem von Tom wieder zuerkennen.

Ela wusste, dass, sollte sich zwischen ihr und Tom irgendwann etwas ernsteres anbahnen, ein steiniger Weg vor ihnen beiden lag, die jeweilige Vergangenheit hinter sich zu lassen...

Aber Ela wusste auch, dass es keineswegs aussichtslos war.

Erst gestern hatte ihr Tom bei einem Strandspaziergang anvertraut, dass er nach der Scheidung kurz davor gestanden hatte, sich das Leben zu nehmen, letztendlich aber zu feige gewesen und deswegen ins Ausland geflüchtet war. Sein Leben sei ereignislos dahin geplätschert, bis Svenja und sie in sein Leben geplatzt waren.

Tom hatte Svenja auf Anhieb in sein Herz geschlossen, ihre kindliche Fröhlichkeit regelrecht aufgesaugt und es genossen, sie beim Spielen mit Sammy zu beobachten – obwohl es genau das war, was ihm am Anfang fast unerträgliche Schmerzen in der Brust bereitet hatte. Ein Kind dabei zu beobachten, wie es unbeschwert lebte und lachte...

Ela war so in Gedanken versunken, dass sie zusammenzuckte, als es an der Tür klopfte. Hastig strich sie sich die halblangen, blonden Haare aus dem Gesicht und eilte mit klopfendem Herzen zur Tür, um ihren Gast hereinzulassen.

 

Es wurde ein wundervoll entspannter Abend, bei dem einfach alles stimmte: das Essen, die Atmosphäre - Ela fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr und auch Tom schien losgelöst und zufrieden. Doch nachdem Svenja schlafen gegangen war, und es sich beide mit einem Glas Wein auf der Terrasse bequem gemacht hatten, kippte die zwanglose Situation ein wenig. Ela verspürte plötzlich ein Kribbeln am ganzen Körper und auch Tom wurde unruhig.

Ela“, fing er an und stockte.. „Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Du und Svenja, ihr habt mich aus einem so tiefen Loch gerettet, aus dem ich ohne Hilfe wahrscheinlich nie wieder heraus gefunden hätte. Das wir uns begegnet sind, kann kein Zufall sein, trotzdem bin ich unsicher, ob ich irgendwann wieder...wieder richtig....“

Er brach ab und sah Ela zögernd und bittend zugleich an.

Er wünschte sich so sehr, dass sie verstand, auch ohne das weiter sprach...

Ela lächelte als sie zu ihm ging und sein Gesicht in ihre Hände nahm. Sanft küsste sie zuerst seine Augen, dann seine Nase und zuletzt seinen Mund.

Was passieren soll, passiert auch... früher oder später“, flüsterte sie und verlor sich beinahe in seinen tiefgrünen Augen. „Doch bis dahin musst du lernen, auf dein Herz zu hören. Nur dann wirst du erkennen können, dass du an allem was geschehen ist, vollkommen unschuldig bist und das Jan gewollt hätte, dass sein Papa irgendwann darüber hinweg kommt und wieder glücklich ist.“

Tom schluckte hart. Dann musste er plötzlich lächeln. Sein Wunsch war in Erfüllung gegangen. Ela hatte ihn verstanden und er wusste, dass sie mit ihren Worten Recht behalten sollte...Das Glück würde zu ihm zurück finden. Schon bald...

Ende.

 

Kurzgeschichte: Glück im Doppelpack ... erschienen im Kelter Verlag 2010

Glück im Doppelpack

 

Linda war gerade dabei sich die Nägel zu maniküren, als es an der Tür klingelte. Am Klang der Klingel registrierte sie ärgerlich, dass es der Störenfried bereits bis zur Wohnungstür geschafft haben musste. Lindas Blick wanderte fast schon automatisch zu ihrer antiken Uhr an der Wand. Dreiundzwanzig Uhr siebzehn. Sie schüttelte stirnrunzelnd den Kopf. Wer war so dreist, sie um diese Zeit zu belästigen? Ricarda, ihre beste Freundin und Fabian, ihr Verlobter, wussten wie sie – Linda - auf abendliche Störungen reagierte. In ihrem verantwortungsvollen Job als Cheftexterin konnte man es sich schließlich nicht leisten, am Morgen unausgeruht zur Arbeit zu erscheinen... Linda stöhnte ungehalten, als es erneut – und diesmal etwas nachdrücklicher – an der Tür klingelte. Keine Sekunde später folgte ein ohrenbetäubendes Klopfen.

In ihr schwappte heiße Wut hoch.

Wenn das jetzt nicht wirklich wichtig ist dann...“ Blitzschnell griff sie hinter sich und fingerte zwischen all den Kissen einen zerknitterten türkisfarbenen Morgenmantel hervor, in den sie sich rasch einwickelte, während sie wütend zur Tür stapfte.

Mit einem zusammengekniffenen Auge spitzte Linda aus dem Türspion und erschrak. Vor ihrer Tür hatten sich zwei Polizeibeamte versammelt. Ein jüngerer Mann circa Anfang dreißig, sowie eine sympatisch wirkende Frau, deren Alter sie auf Ende vierzig schätzte.. Aus den düsteren und sorgenvollen Mienen der Polizeibeamten konnte Linda entnehmen, dass etwas furchtbares passiert sein musste. Ihr Herz krampfte sich augenblicklich zusammen, nur um kurz darauf wie wild darauf los zu schlagen. Lindas Mund war plötzlich staubtrocken und schon bald hatte sie das Gefühl, nicht mehr richtig atmen zu können. Wie in Zeitlupe löste sie eine Sicherheitskette nach der anderen und öffnete die Tür. Bei all dem hatte sie so ein nagendes Gefühl in der Magengegend, dass schon bald nichts mehr so sein würde wie je zuvor...

 

Zwanzig Minuten später blickte Linda fassungslos in den großen Badezimmerspiegel. Ihr Spiegelbild sah einfach fürchterlich aus. Große dunkle Augen starrten ihr aus noch dunkleren Höhlen entgegen und ihre Haut war so fahl, wie die makellose Wand ihres edlen Designer - Wohnzimmers. Selbst aus ihren Lippen schien jegliche Lebendigkeit gewichen zu sein. Linda fand, dass sie wie ein Gespenst aussah. „Schlimmer noch... ich sehe aus wie eine Leiche...“ murmelte sie mit brüchiger Stimme, bevor sie sich zitternd und schluchzend an der Wand zu Boden gleiten ließ.

 

 

In dieser Nacht träumte Linda von ihrer tödlich verunglückten Schwester und deren Mann. Sie träumte von dem sich überschlagenden Wagen und von der immer wiederkehrenden Frage in ihrem Kopf, ob Julia und Sebastian wohl mitbekommen hatten, wie sie starben. Selbst im Traum schien Linda der bohrende Schmerz, ihre über alles geliebte Schwester wegen eines irren Geisterfahrers verloren zu haben, zu verfolgen. Plötzlich schreckte sie schreiend aus dem Schlaf.

Schweiß stand ihr auf der Stirn und auch ihre Wangen fühlten sich seltsam feucht an. Verwirrt registrierte Linda, dass sie im Schlaf geweint haben musste – was völlig untypisch für sie war. Linda hatte in der Vergangenheit stets darauf geachtet, keinerlei Schwächen zu zeigen, weder im Berufs, - noch im Privatleben. Sie galt überall als ein harter Brocken und sie war stolz darauf.

Doch dieser Schicksalsschlag hatte sie hart auf dem Boden der Realität aufschlagen lassen.

Linda überlegte fieberhaft. Konnte sie wirklich die Kinder ihrer Schwester großziehen, die auf dieser Welt nun niemanden mehr hatten außer ihrer Tante?

Oder würden sie diese Kinder vom wirklich wichtigen Bestandteil ihres Lebens abhalten – nämlich von ihrem Job? Wäre es am Ende nicht sogar besser für die Kinder, wenn sie vorübergehend in einem Heim untergebracht würden, bis eine nette Familie gefunden war, die beide gemeinsam aufnahm?

Linda atmete schwer. Noch nie zuvor in ihrem Leben, hatte sie sich in einer ähnlich schwierigen Situation befunden. Dennoch wusste sie, dass bald eine Entscheidung getroffen werden musste. Eine Entscheidung, deren Dringlichkeit langes Warten nicht zuließ...

 

 

 

 

Linda fühlte sich wie durch den Fleischwolf gedreht und selbst ihre erfrischende Dusche von vorhin konnte daran nichts ändern. Bis kurz vor Mitternacht hatte sie am Abend zuvor am Bett ihres Neffen und ihrer Nichte gesessen und ihnen eine Geschichte nach der anderen vorgelesen. Das kleine Mädchen und der kleine Junge hatten ein furchtbares Trauma erlitten, als sie vom Tod ihrer Eltern erfuhren. Zwar konnten sie das ganze Ausmaß der Tragödie noch nicht begreifen, dennoch vermissten die Kinder ihre Mama und ihren Papa ganz fürchterlich.

Linda zerriss es schier das Herz, wann immer sie in die zwei traurigen Augenpaare der Zwillinge sah. Per Gerichtsbeschluss war ihr, als einzige noch lebende Angehörige der Kinder, das alleinige Sorgerecht zugesprochen worden, nachdem sie beschlossen hatte, die Verantwortung für die Kinder zu übernehmen. Es war eine schwere Entscheidung gewesen, doch Linda hätte es niemals ertragen, die Kinder ihrer toten Schwester in einem Heim, schlimmstenfalls sogar getrennt in zwei Pflegefamilien zu wissen.

Linda wusste zwar überhaupt nichts über Kindererziehung, dennoch war sie überzeugt gewesen, schnell in ihre neue Rolle hinein zu wachsen. Inzwischen waren jedoch zwei Monate vergangen und sie musste der Tatsache ins Auge blicken, dass es mehr als schwierig war, für zwei trauernde, verunsicherte und völlig aus der Bahn geworfene Kinder zu sorgen. Bei ihrem Arbeitgeber stand sie inzwischen wegen ihrer vielen Fehltage sehr in Ungnade und Fabian, ihr Verlobter, hatte erst gestern wieder angewidert seine Nase gerümpft, angesichts der Verwüstung, die in Lindas vier Wänden herrschte. Die schöne helle, zweistöckige Mansarde hatte nichts mehr mit ihrer einstigen Eleganz gemein. Überall auf allen zwei Stockwerken herrschte unübertroffen das Chaos. Wann immer Linda einen Versuch unternahm, wenigsten etwas Ordnung in ihre Wohnung und vor allem in ihr Leben zu bringen, machten ihr die Kinder einen Strich durch die Rechnung. So auch heute morgen.

Panisch sah sie auf ihre Uhr. „Verdammt!“, murmelte sie. „ Wenn ich mich nicht beeile, komme ich den Monat schon zum dritten Mal zu spät zur Konferenz.“ Schnell eilte sie zum Zimmer der Zwillinge – ihrem ehemaligen Gästezimmer. Die Kinder schienen noch zu schlafen. Mit Schwung zog Linda die schweren Vorhänge auf und ließ die warme Morgensonne herein.

Ronja! Lukas! Guten Morgen“, sagte sie betont munter zu den sich räkelnden Kindern. „ Kommt! Raus aus den Federn, der Schulbus wartet nicht auf euch!“

Auf dem Weg nach unten, in ihre große moderne Küche, hob sie einige, auf der Treppe verteilte Spielsachen auf und verstaute sie in der dafür vorgesehenen Kiste im Wohnzimmer. Während sie ihre hypermoderne Kaffeemaschine in Betrieb nahm, lauschte sie angestrengt nach oben zu den Kindern. Doch da rührte sich nichts. Gar nichts. Linda startete seufzend einen letzten Versuch. „Habt ihr Lust auf ein Spiel?“, rief sie laut. „ Es heißt: Wer zuerst Tip - Top gewaschen beim Frühstück sitzt, darf sich heute Abend aussuchen, was es leckeres zum Essen gibt...“ Sie wartete gespannt. Doch anstelle des erhofften Getrampels hörte sie nur die wimmernde Stimme ihres kleinen Neffen. „Ich glaube wir sind krank, Tante Linda. Müssen wir trotzdem zur Schule gehen?“

Ergeben tippte sie die Nummer ihres Chefs ins Telefon und machte sich erneut auf den Weg ins Kinderzimmer.

 

 

Frau Markgraf, ich muss Ihnen doch wohl nicht sagen, welche Auswirkungen ihre vielen Fehlzeiten in der Vergangenheit, auf das Unternehmen hatten?“

Herr Behrens vom Personalreferat sah Linda kühl an.

Es tut mir wirklich leid, dass sie ihre Schwester verloren haben und bewundere Sie auch für ihre Entschlossenheit, ihre Nichte und ihren Neffen großziehen zu wollen. Nur müssen Sie sich irgendwann entscheiden – wollen Sie weiterhin in unserer Firma als Texterin Karriere machen, oder wollen Sie sich stattdessen Heim und Familie widmen? Beides auf einmal scheint zumindest bei Ihnen wohl nicht zu funktionieren...“

Linda starrte ihr Gegenüber entsetzt an. In ihren Ohren begann es zu surren.

Sie hatte beinahe das Gefühl, neben sich zu stehen und aus sicherer Entfernung stumme Zeugin dieses demütigenden Gesprächs zu sein.

Linda überlegte krampfhaft. Hatte dieser Mann ihr gerade so quasi die Pistole auf die Brust gesetzt? Nach allem was sie in den vergangenen Jahren für die Firma getan hatte, sollte sie sich nun zwischen ihrer Verantwortung für die Waisen ihrer Schwester und ihrem über alles geliebten Job entscheiden? Durfte dieser Mensch das überhaupt? Linda ahnte, dass es unrechtmäßig war, doch sie wusste auch, dass es im Zweifel sinnlos war, gegen ein Unternehmen dieser Größenordnung anzukämpfen. Sie wappnete sich innerlich gegen ein hartes Wortgefecht.

In Ordnung Herr Behrens, dann möchte ich Sie bitten, ab sofort von meinen zahlreichen Überstunden und meinem in den letzten Jahren angesammelten Urlaub Gebrauch machen zu dürfen. Alles weitere wird sich sicher in den nächsten Tagen über meinen Anwalt regeln lassen....“ Endlich war die Bombe explodiert. Linda spürte eine fast unnatürliche Ruhe in ihrem Innern. Ich habe gerade meinen Job weggeworfen und nun stehe ich hier und mir ist alles egal? Sie war beinahe fassungslos angesichts ihres Gefühlschaos. Früher wäre sie für ihren Job durchs Feuer gegangen und nun stand sie hier und setzte alles aufs Spiel? Einfach so? Nicht einfach so, sagte sie zu sich selbst. Nicht einfach so, sondern für die Zwillinge. Sie brauchen mich. Es ist das einzig richtige. Julia hätte genau das gleiche auch für mich getan. Jederzeit. Ohne zu zögern..

Linda hielt die Luft an, zwang sich innerlich, sich auf die Reaktion ihres Vorgesetzten zu konzentrieren. Die folgte auf dem Fuße.

Geh ich richtig in der Annahme“, schrie er mit sich überschlagender Stimme, „dass sie mir soeben durch die Blume ans Herz gelegt haben, Sie zu feuern?“

Linda starrte unbehaglich zu Boden. Dann straffte sie ihre Schultern, nahm all ihren Mut zusammen und sah Herrn Behrens direkt in die Augen. „Ja“, antwortete sie schlicht, „ Sie lassen mir ja keine andere Wahl. Was wäre ich auch für ein Mensch, mich gegen meine Familie zu entscheiden? Gegen die zwei hilflosen kleinen Kinder meiner verunglückten Schwester?“

 

 

Ja bist du denn noch ganz bei Trost“, rief Fabian ihr Verlobter am Abend des selben Tages aufgebracht, als er von Lindas baldiger Entlassung erfuhr.

Dieser Job war doch dein Leben. Seit ich dich kenne, durfte sich nichts und niemand zwischen dich und deine Karriere stellen. Bist du wirklich bereit, alles was du dir erarbeitet hast, für zwei Gören aufzugeben, die eigentlich eher in ein Heim oder zumindest in Therapie gehören? Mensch Linda, sieh dir doch mal selber zu. Du machst all das, wofür du Jahre geschuftet hast, innerhalb von Tagen zunichte. Willst du, wenn das vorbei ist, etwa wieder ganz von vorne beginnen?“ Fabian redete sich in Rage. Und Linda verstand plötzlich, dass auch ihr Verlobter gar nichts begriff. Er begriff nicht, dass es für sie keine andere Möglichkeit gab, als sich so zu entscheiden. Und er begriff nicht, dass es Dinge gab, die absolut nicht zu ändern waren. Linda sah es inzwischen als ihre Pflicht, sich um Ronja und Lukas zu kümmern, für sie da zu sein – koste es, was es wolle. Sie musste es einfach tun, anderenfalls hätte sie nie wieder in ihrem Leben in den Spiegel blicken können. Diese Kinder waren ihre einzigen noch lebenden Angehörigen und Linda würde bis an ihr Lebensende einfach alles für sie tun. Sie hatte sich geschworen, die Zwillinge in Liebe aufzuziehen, ihnen Sicherheit, Halt und Stärke zu bieten, damit sie zu starken und selbstbewussten Persönlichkeiten heranwachsen konnten.

Linda sah Fabian, ihren Verlobten mit Tränen in den Augen an, bevor sie mit erstaunlich fester Stimme sagte: „Wenn du nicht zu mir hältst, dann hast du hier auch nichts mehr verloren. Also tue mir – uns - den Gefallen und verschwinde einfach..“ Als Fabian mit einer wütenden Geste Lindas Wohnungstür hinter sich in Schloss geworfen hatte, war sie längst auf dem Weg ins Obergeschoss. Auf dem zweiten Treppenabsatz angekommen, vernahm sie ein leises Rascheln. Ganz oben am Ende der Treppe saßen Ronja und Lukas mit von Tränen geröteten Gesichtern und sahen Linda aus sorgenvollen Augen an.

Wirst du uns nun weggeben? In so eine doofes Heim, von dem der Mann eben erzählt hat?“, fragte Ronja schluchzend und schmiegte sich gemeinsam mit ihrem Bruder in die Arme ihrer Tante.

Etwas in Linda brach in diesem Moment. „Niemals“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme und drückte die Kinder noch enger an sich. „Für nichts in der Welt würde ich euch zwei in ein Heim oder sonst irgendwohin geben. Ihr gehört zu mir, und ich werde immer für euch da sein – versprochen.“

 

 

Hallo, seht doch mal, was ich schon kann“, rief Lukas aufgeregt. Linda bekam einen gehörigen Schrecken, als sie ihren inzwischen achtjährigen Neffen hoch oben auf einer riesigen Kletterspinne sitzen und hektisch winken sah. Sein Gesicht war vor Anstrengung leuchtend rot.

Oh Gott, pass bloß auf, dass du nicht runter fällst“, rief Linda besorgt und erntete ein belustigtes Grunzen ihrer besten Freundin Ricarda.

Du bist wie eine Glucke“, erklärte die ihr grinsend. „Ich kann mir ehrlich gesagt gar nicht mehr vorstellen, dass es früher einmal für dich nur deine Karriere gegeben hat. Du hast dich wirklich total verändert – sehr zum Glück für die Zwillinge. Sie vergöttern dich geradezu und können inzwischen Dank dir, viel besser mit dem Tod ihrer Eltern umgehen...Du hast es tatsächlich geschafft, das Unmögliche möglich zu machen. Du bist über dich selbst hinausgewachsen. Deine Schwester würde unendlich stolz auf dich sein. Nur darfst Du bei all dem, Dich selbst niemals vergessen...“, Ricarda zögerte kurz, bevor sie fortfuhr, „Du hast es Dir wirklich verdient, endlich wieder richtig glücklich zu sein..“

Linda wären bei den Worten der Freundin beinahe die Tränen der Rührung in die Augen gestiegen. Anfangs noch misstrauisch, hatte sie in Ricardas Gesichtszügen nach Spuren eines sarkastischen Lächelns oder gar Ironie gesucht. Doch statt dessen waren da nur überwältigende Zuneigung und stolze Anerkennung zu sehen gewesen. Linda lächelte entspannt. Wenigstens ihre beste Freundin hielt noch zu ihr. Seit sie ihren Job verloren und Fabian, ihr Ex - Verlobter sie verlassen hatte, fühlte sie sich zuweilen völlig allein gelassen. Auch finanziell gesehen wurde es für sie inzwischen ziemlich eng. Zwar hatte ihr die Firma sowohl alle Überstunden und Urlaubstage sowie eine großzügige Abfindung bezahlt, doch große Sprünge konnte sie sich mit zwei Kindern davon trotzdem nicht erlauben. Ganz im Gegenteil. Die Miete von Lindas komfortabler Mansarde hatte einen Großteil ihrer finanziellen Mittel aufgefressen, sodass sie sich gezwungen gesehen hatte, eine kleinere und vor allem kostengünstigere Bleibe zu suchen. Über einen Makler hatte sie in einem zauberhaften Zweifamilienhaus eine Wohnung gefunden, die in einem für München außergewöhnlich fairem Preis-Leistungs-Verhältnis stand. Sie wohnte mit den Zwillingen nun auf gemütlichen 80 qm im ersten Stock des Hauses und der Mietvertrag beinhaltete zu der urigen Dachwohnung, auch noch die Gartenmitbenutzung. Außer ihr und den Kindern, lebte noch der alleinstehende Eigentümer mit im Haus, doch sie hatte den Mann wegen seines längeren Auslandsaufenthaltes noch kein einziges Mal zu Gesicht bekommen.

Bestimmt wohnt dort dein Traummann und du bekommst es nur deshalb nicht mit, weil du rund um die Uhr mit den Kindern beschäftigt bist“, hatte Ricarda vorhin gescherzt, doch Linda hatte nur abgewunken. „Ich bin noch immer auf der Suche nach einem vernünftigen Job, den ich mit der Kindererziehung gut vereinbaren kann. Alles andere kann bzw. muss warten.“ Doch Ricarda kannte ihre Freundin viel zu gut. Sie ahnte, dass sich Linda nach beidem sehnte. Nach einem Job der finanzielle Sicherheit für sie und die Kinder bot und nach einem Mann, an dessen starker Schulter sie sich anders wie bei Fabian, jederzeit anlehnen konnte. Ein Mann, der sie nicht beim nächsten Problem einfach fallen ließ, wie eine zu heiße Kartoffel. Ein Mann, der ihre kleine Familie und ihre neue Welt endlich perfekt machte.

 

 

Tante Linda, spielst du bitte mit uns?“ Ronja sah ihre Tante mit großen rehbrauen Augen bittend an. „Wir verstecken uns und du musst versuchen uns zu finden...“ Linda schüttelte seufzend mit dem Kopf: „Tut mir leid Süße, aber heute geht es wirklich nicht. Ich habe einfach noch so viel zu tun.“ Die Nudeln fürs Abendessen mussten gekocht werden und für die Tomatensoße fehlte noch klein geschnittenes Gemüse. Linda schmunzelte, als sie daran dachte, wie sie den Kindern vor einigen Wochen zum ersten Mal völlig unbemerkt eine ganze Menge an gesundem Gemüse in ihrem Lieblingsessen untergejubelt hatte. Weder Ronja noch Lukas hatten die winzig klein geschnittenen Zucchini und Paprika in der Bolognesesoße bemerkt. Statt dessen hatten beide lauthals um Nachschlag gebeten und Linda so unbewusst eine große Freude bereitet.

Ich verspreche euch, dass wir morgen, wenn ich von der Arbeit komme solange verstecken spielen, wie ihr wollt.“

Mit hängenden Schultern schlurfte Ronja zurück in den Garten. In Linda machte sich augenblicklich das schlechte Gewissen breit. Seit sie einen Halbtags - Redakteursposten bei der hiesigen Tageszeitung angenommen hatte, fehlte es ihr des öfteren wieder an genügend Zeit. Jeder Tag war deshalb streng durchgeplant. Abweichungen gab es nur selten – die Kinder brauchten schließlich vor allem eines: feste Rituale und die Sicherheit eines geregelten Tagesablaufs. Linda überlegte, ob sie sich nicht doch für einige Minuten Zeit nehmen und mitspielen konnte. Doch als sie kurz darauf Ronjas fröhliches Geschrei vernahm, machte sie sich rasch ans Kochen.

 

Eine Stunde später war Linda außer sich vor Sorge. Sie und Lukas suchten mittlerweile völlig verzweifelt nach Ronja, doch das kleine Mädchen war weder im Garten noch in der Wohnung zu finden. Linda hatte jeden Quadratzentimeter des Grundstücks und sogar den Nachbargarten abgesucht – ohne Erfolg. Von Ronja fehlte einfach jede Spur. „Irgendwo muss sie ja sein“, hatte Linda Anfangs nüchtern festgestellt, während sie sich in den engen Spalt zwischen Geräteschuppen und Garage quetschte, um hinter die beiden Hütten sehen zu können. Doch inzwischen war ihr anfänglicher Optimismus einer handfesten Panik gewichen.

Deshalb hatte sie beschlossen, die Polizei zu informieren, sollte das Kind bis zum baldigen Einbruch der Dunkelheit nicht wieder aufgetaucht sein...

Vielleicht ist was ganz schlimmes passiert. So wie mit Mama und Papa.“, schluchzte Lukas und warf sich weinend und völlig verängstigt in die Arme seiner Tante.

 

Entschuldigen Sie meine Neugier, aber dürfte ich bitte erfahren, was hier passiert ist?“ Ein sympatisch aussehender Mann um die vierzig stand plötzlich mitten im Garten und musterte die Szene mit interessiertem Blick.

Oh Verzeihung, wie unhöflich.... Mein Name ist Thomas Uhlemann und ich wohne hier im Erdgeschoss“, fügte er schnell hinzu, als er Lindas Miene entnahm, dass sie nicht unbedingt gewillt zu sein schien, einem völlig Fremden, ihren Kummer anzuvertrauen. Er hingegen hatte sofort vermutet, dass es sich bei der bezaubernden Brünetten, um seine neue Mieterin Linda Markgraf handeln musste.

Die runzelte verwirrt die Stirn. Dieser Mann war also ihr Vermieter und Eigentümer des Hauses...Irgendwie hatte sie sich den ganz anders vorgestellt. Mit einem Kopfschütteln verwarf Linda ihre Gedanken und konzentrierte sich wieder auf das für den Moment einzig Richtige - die Suche nach Ronja.

Thomas Uhlemann war der Ausdruck tiefster Besorgnis auf Lindas Gesicht von Anfang an nicht entgangen.

Wenn ich ihnen irgendwie helfen kann?“, fragte er hilfsbereit und sah sie freundlich an.

Naja, ich suche meine achtjährige Nichte Ronja“, erklärte Linda mit Tränen in den Augen. „Sie ist seit über einer Stunde weg. Spurlos verschwunden. Die Kinder haben vorhin noch zusammen verstecken gespielt und jetzt kann ich sie plötzlich nicht mehr finden....Natürlich habe ich schreckliche Angst, es könnte etwas...“ Linda stockte.

Sie brachte es nicht fertig, den Satz zu Ende zu sprechen. Ronja durfte einfach nichts passiert sein. Das würde sie sich nie verzeihen.

Wieder traten ihr die Tränen der Verzweiflung in die Augen.

Thomas Uhlemann lächelte Linda zuversichtlich an. „Weit kann die Kleine ja noch nicht sein. Also bitte, machen Sie sich keine Sorgen, wir finden sie schon – versprochen.“ Plötzlich hielt er mitten in der Bewegung inne. Die Augen zu Schlitzen zusammengezogen sah er angestrengt zum Haus hinüber.

Ich hab da eine Idee, kommen Sie“, sagte er zu Linda und blinzelte sie und Lukas spitzbübisch an.

Haben Sie gewusst, dass es über Ihnen noch einen winzigen Dachbodenverschlag gibt? Er ist gerade groß genug, um einige kleine Kisten unter zustellen und somit das optimale Versteck für ein kleines Mädchen.“

Thomas schmunzelte auf dem Weg nach oben und Linda fiel ein zentnerschwerer Stein vom Herzen. „Das könnte zu Ronja passen“, meinte sie aufgeregt. „Der kleine Satansbraten liebt nichts mehr, als sich so gut zu verstecken, dass ihr Bruder sie nicht mehr finden kann. Meistens kommt sie erst wieder aus ihrem Versteck hervor, wenn Lukas schon völlig frustriert ist und weint. Doch hier oben...“ Linda brach ab und stemmte in gespielter Empörung die Arme in die Seiten, als sie die letzten Stufen erklommen hatten und in einer unscheinbaren Nische, die Tür zu dem kleinen Verschlag entdeckten. Sowohl Linda, als auch Thomas prusteten erleichtert los, als sie Ronja, völlig verstaubt und mit frustriertem Gesichtsausdruck, in der engen Kammer kauern sahen. Einzig Lukas machte wütend auf dem Absatz kehrt und schrie seiner Schwester über die Schulter einige wirklich böse Worte zu.

 

Ich weiß gar nicht wie ich Ihnen danken soll“, sagte Linda aufrichtig, als sie kurz darauf alle gemeinsam um ihren Küchentisch herum saßen. „Ohne ihre Hilfe hätte ich Ronja wahrscheinlich nie gefunden.“

Thomas lachte vergnügt: „Ich denke nicht, dass die Kleine ihr Versteckspiel noch allzu lange durchgehalten hätte. Ihrem Gesichtsausdruck als wir sie fanden nach zu urteilen, kann es sich allerhöchstens nur noch um wenige Augenblicke gehandelt haben...“

Linda sah Thomas geradewegs in die Augen. Und bekam weiche Knie.

Ich möchte mich trotzdem bei Ihnen revangieren“, sagte sie errötend, als sie sich einigermaßen gefasst hatte. „ Schließlich ist es nicht gerade selbstverständlich, dass jemand, der nach so langer Zeit wieder nach Hause kommt, sich sofort der Probleme anderer annimmt.“

Sie lächelte schüchtern. „Was halten sie also davon mit uns zu Abend zu essen? Sie sind doch sicher sehr hungrig nach ihrem langen Flug? Es gibt Spagetti Bolognese – meine Spezialität.“

Thomas erwiderte Lindas Lächeln.

Wie hübsch sie ist, dachte er bei sich, und wie liebevoll sie mit den Kindern umgeht. Von seinem besten Freund und Immobilienmakler hatte er natürlich von dem schweren Schicksalsschlag erfahren, den Linda und die Kinder zu verarbeiten hatten. Er hatte sich schon darauf gefasst gemacht, nach seiner Rückkehr einer Frau gegenüber zu stehen, der man ihren Verlust und die Bürde, welche sie zu tragen hatte, deutlich ansehen konnte. Doch Linda hatte ihn vom ersten Moment an sowohl verblüfft, als auch verzaubert. So fühlt es sich also an, wenn man sich auf den ersten Blick in jemanden verliebt, dachte er und schmunzelte in sich hinein. Ihr liebenswert warmherziges Wesen und ihre ansteckende Lebensfreude, hatten ihm sofort den Kopf verdreht.

Ich würde sehr gerne zum essen bleiben“, antwortete er deshalb und registrierte erfreut, dass ihre wunderschönen blauen Augen wie zwei Sterne zu strahlen begannen.

Wenn Du wüsstest, wie sehr ich mir diese Antwort erhofft habe, dachte Linda lächelnd, während sie aufstand, einen vierten Teller aus dem Küchenschrank nahm und ihn zu den anderen auf den liebevoll gedeckten Tisch stellte.

Als ihr Blick dabei Thomas´s streifte, verlor sie sich für eine kleine Ewigkeit in seinen Augen. Plötzlich fing sie an zu lachen. Sowohl Thomas, als auch die Kinder sahen Linda verwundert an.

Mir ist gerade eingefallen“, erklärte sie glücklich, „dass ich eine wirklich liebe Freundin habe, die doch tatsächlich Hellseherin sein muss...“

 

 

Ende



Kurzgeschichte: Tanz mit mir ... erschienen im Kelterverlag 2010

Tanz mit mir bis ans Ende der Welt...

 

Wie betäubt starrte Marie Sommer auf den Horizont. Sie nahm weder den wunderbaren Anblick der Abendsonne wahr, die den Himmel in ein feuriges Rot tauchte, noch die Blicke der anderen Touristen, die sie einerseits befremdlich, andererseits misstrauisch musterten. Statt dessen war Marie völlig in ihre trübsinnigen Gedanken versunken. In Gedanken, die darum kreisten, wie schrecklich leer sie sich fühlte, seit ihr das Schicksal das Wertvollste im Leben genommen hatte. Ihr Blick saugte sich fast schon sehnsüchtig an einer glücklich aussehenden vierköpfigen Familie fest, die es sich auf einer gegenüberliegenden Bank gemütlich gemacht hatte. Maries Lippen umspielte ein freudloses Lächeln, während sie den beiden kleinen Kinden zusah, die fröhlich lachend ihre am Strand gesammelten Muscheln bewunderten.

Es ist eigentlich noch gar nicht so lange her, überlegte sie, während ihr erneut die Tränen in die Augen schossen, dass ich selbst mit Maxi und Tom beim Muscheln sammeln war.... Abrupt riss sie ihre Augen von den lachenden Kindern weg und zwang sich aufzustehen. „Ich muss aufhören mich so zu quälen“, murmelte sie immer wieder vor sich hin, während sie eiligen Schrittes in Richtung Hafen lief...

 

 

Ein plötzliches Poltern ließ Marie zusammenfahren.

Che sfiga!“ kam es kurz darauf aus dem weit geöffneten Fenster im Erdgeschoss eines kleinen Häuschens. Verwundert sah sie hinüber und bemerkte eine junge Frau, die sich den Tränen nahe, verzweifelt die Haare raufte.

Verwundert trat Marie näher. Ihre Neugier war geweckt und plötzlich hätte sie einiges dafür gegeben, zu erfahren, was dem Mädchen einen solchen Kummer bereitete.

Zaghaft klopfte sie an den weit geöffneten Fensterladen.

Mi scusi..,“ stotterte Marie und registrierte beschämt, das sie gerade dabei war, aus reiner Neugier einer völlig Fremden ihre Hilfe anzubieten, obwohl sie kaum ein Wort Italienisch konnte.

Die junge Frau sah sie verdutzt an. Das Misstrauen stand ihr buchstäblich ins Gesicht geschrieben, als sie ans Fenster trat.

Sehen Sie öfters in die Wohnungen fremder Leute?“

Maries Gesicht verfärbte sich augenblicklich dunkelrot und gerade als sie auf dem Absatz kehrt machen und weglaufen wollte, registrierte sie, dass die junge Frau deutsch mit ihr gesprochen hatte.

Bitte verzeihen Sie.. Ich wollte keinesfalls...“ Marie brach ab und sah beschämt auf ihre Schuhspitzen. Sie spürte wie ihre Handflächen gleichzeitig feucht und kalt wurden – wie immer wenn sie furchtbar nervös war.

Können Sie Kuchen backen?“ Die Stimme der jungen Frau klang plötzlich versöhnlich und fast freundlich .

Verwundert sah Marie auf. „Ob ich was? Entschuldigen Sie aber..?“

Ich brauche ganz schnell eine richtig gute Schokoladentorte“, fiel ihr die fremde Frau ungeduldig ins Wort. „Meine zukünftige Schwiegermutter kommt morgen Nachmittag zu Besuch. Sie ist eine waschechte Italienerin und ich will nicht, dass sie bemerkt, dass die zukünftige Frau ihres Sohnes weder richtig kochen noch backen kann.“ Sie sah Marie beinahe flehend an. „Sie muss mir der Himmel geschickt haben.... Bitte helfen Sie mir. Ich liebe Raffael einfach über alles und möchte ihn keinesfalls vor seiner Mutter blamieren.“

 

 

Knapp zwei Stunden später saßen Marie und die junge Frau, die sich als Anna Marconi vorgestellt hatte, in einem wunderschönen und liebevoll dekorierten Innenhof. Es duftete verführerisch nach frischen Kräutern, welche aus riesigen herumstehenden Terracottatöpfen wucherten.

Hier ist es ja wunderschön“, schwärmte Marie. „Schon von außen sehen diese alten Häuschen einfach bezaubernd aus, aber diese gemütlichen Innenhöfe sind wirklich atemberaubend..Ich könnte stundenlang hier sitzenbleiben, die verschiedenen Düfte und diese Ruhe genießen.“

Anna lachte vergnügt.. „Nun, dann bereiten Sie mir doch die Freude und bleiben zum Abendessen.“

Sie lächelte Marie aufmunternd zu. „Ich bin zwar keine sehr gute Köchin wie sie sicher schon bemerkt haben dürften, aber man sagt mir nach, dass ich statt dessen eine fantastische Zuhörerin bin...Wenn Sie also während des Essens darüber reden wollen...“

Marie starrte ihr Gegenüber sprachlos an. „Über was..? Woher wissen Sie..“

Anna lächelte warmherzig. „Ihre traurigen Augen... Man kann darin lesen wie in einem Buch.“

 

 

Der Kloß in Annas Hals wurde von Minute zu Minute größer. Sie vermochte sich nicht einmal im Ansatz vorzustellen, wie gewaltig der Schmerz sein musste, den Marie ertrug, seitdem ihr Mann und der gemeinsame vierjährige Sohn bei einem Unfall ums Leben gekommen waren.

Es tut mir so leid“, sagte Anna, legte ihre Gabel beiseite und griff über den Tisch hinweg nach Maries Hand. „Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann...“ Ihre Stimme zitterte unsicher. Marie hatte so ziemlich den größten Schicksalsschlag erlitten, der einem Menschen im Laufe seines Lebens widerfahren konnte und sie hatte nichts besseres zu tun gehabt, als sie zu bitten, ihr einen Kuchen zu backen..

Ich hab es wirklich sehr gerne gemacht“, unterbrach Marie Annas Überlegungen, fast als habe sie deren Gedanken gelesen. „Und ich bin froh, dass wir einander begegnet sind.. Bevor ich Sie getroffen habe, fühlte ich mich inmitten all dieser fröhlichen Touristen fast verloren... Jetzt aber ist es, als dringe endlich wieder etwas Licht in meine dunkle trostlose Welt. Das habe ich Ihnen zu verdanken, Anna. Ihnen und diesem wunderbaren Ort..“

 

 

Es war weit nach Mitternacht, als sich beide Frauen voneinander verabschiedeten.. Anna winkte dem Taxi, welches Marie zurück in ihr Hotel brachte selbst dann noch nach, als dieses schon längst nicht mehr zu sehen war. Sie fühlte sich ziemlich mies. Wie zornig war sie gewesen, als ihr am Abend der Schokoladenkuchen misslungen war.. Sie hatte deswegen Gott und die halbe Welt verflucht und befürchtet, dass ihre Schwiegermutter sie nicht akzeptieren würde. Anna schüttelte den Kopf. Ein misslungener Kuchen auf der einen Seite und eine Familie, die nicht mehr existierte auf der anderen. „Ich schäme mich so“, murmelte sie und wählte mit hängenden Schultern eine Telefonnummer, die sie inzwischen in und auswendig kannte. „Raffael? Gott sei Dank bist du da“, rief sie kurz darauf auf italienisch in den Telefonhörer, „ Bitte komm so schnell es geht. Ich brauche dich heute Nacht bei mir...“

 

 

Als Marie am nächsten Morgen erwachte, hatte sie zum ersten Mal seit langem wieder das Gefühl, ein Mensch zu sein. Die Unterhaltung mit Anna gestern Abend hatte ihr zum einen etwas Abwechslung gebracht und zum anderen richtig gut getan.

Marie schmunzelte. Anna war wirklich einzigartig. Man konnte bei ihr ganz genau die Charakterzüge ihrer Eltern erkennen. Der deutsche Ehrgeiz ihrer Mutter und das leidenschaftliche Feuer und quirlige Wesen ihres italienischen Vaters. Anna musste von beiden das jeweils Beste mitbekommen haben, dachte Marie und lächelte. Sie hatte die junge Frau sofort ins Herz geschlossen, aber dennoch abgelehnt, als diese sie für das große Familienessen am heutigen Tage einladen wollte. „Es ist aber allein dein Verdienst“, hatte Anna aufbegehrt, als Marie dankend ablehnte, „wärst du nicht gewesen, dann hätte ich ja morgen überhaupt gar keinen Kuchen....“

Doch Marie blieb standhaft. Sie hätte die Einladung zwar für ihr Leben gerne angenommen, aber sie fand, dass sie bei einer Familienfeier an der sich zwei Familien zum ersten Mal begegneten, weil ihre Kinder einander liebten, nichts verloren hatte. „Na gut, aber dann brauchst du auch nicht zu meckern, wenn ich einfach behaupte, den Kuchen selbst gebacken zu haben“, hatte Anna gescherzt und Marie damit zum Abschied ein herzerfrischendes Lachen entlockt. Das erste Lachen seit der Beerdigung von Maxi und Tom vor fast zwei Jahren..

 

 

Marie genoss sowohl die Ruhe als auch die kühle Brise, die vom Meer herüber auf die Terrasse der Gelateria wehte. Sie wollte sich gerade über ihren extra großen Cappuccino mit einem gigantischen Sahneberg hermachen, als sie von munterem Stimmengewirr überrollt wurde.

Na, wenn das kein Zufall ist“, rief Anna begeistert, während sie sich auf einen der freien Stühle am Tisch fallen ließ. „Jetzt gibt es auch keine Ausreden mehr. Du und Raffael, ihr müsst euch unbedingt kennenlernen“, erklärte sie und winkte wild gestikulierend einen gutaussehenden jungen Mann heran.

Das ist die Frau, die mit ihrem Kuchen meine Ehre gerettet hat“, rief Anna ihrem Verlobten halb auf deutsch, halb auf italienisch entgegen und strahlte übers ganze Gesicht. Marie konnte sich das Lachen fast nicht verkneifen. Sie wusste einerseits, dass es Dank Anna und Raffael nun mit der Ruhe vorbei sein würde, doch hatte sie sich andererseits noch nie so sehr über eine Ruhestörung gefreut....

 

 

Die Dämmerung war bereits angebrochen, als sich Marie von Anna und deren Verlobten Raffael verabschiedete und gemütlich an der Promenade in Richtung ihres Hotels schlenderte. Sie verspürte dabei fast so etwas wie einen Anflug von Wehmut, denn der gesellige Nachmittag hatte für sie etwas heilendes gehabt. Annas ansteckende Lebensfreude, ihre überschäumende Fröhlichkeit und Raffael, der mit seinem zurückhaltenden Wesen immer etwas im Schatten seiner Verlobten stand und trotzdem der glücklichste Mann der Welt zu sein schien. Für Marie war es, als kenne sie beide schon ihr ganzes Leben lang. Selbst die Trauer bekam in Annas und Raffaels Gegenwart ein völlig neues Gesicht. Anstatt sie offen zu bemitleiden, was im übrigen der Großteil der Menschen tat den Marie kannte, gaben Anna und Raffael ihr die Kraft, endlich wieder zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Beide hatten die Gabe, Marie aus der Reserve zu locken, ihr ein Lachen nach dem anderen heraus zu kitzeln. Dank ihnen hatte sich tief in ihr endlich wieder das Gefühl eingestellt, normal weiterleben zu können – irgendwann.

 

 

Es ist so weit, stell dir vor, er hat es endlich getan.“ Anna hatte aufgeregt um Marie herum getanzt, die Freundin in die Arme genommen und überschwenglich auf beide Wangen geküsst. „Gestern Abend hat Raffael endlich gefragt, ob ich seine Frau werden will.“

Marie hatte vergnügt gelacht. „Und? Was hast du ihm geantwortet?“

Anna hatte zu kichern begonnen und Marie verschmitzt angesehen.

Ich hab ja gesagt, allerdings nur unter der Voraussetzung, das er nie wieder von mir verlangt, einen Kuchen für seine Mutter zu backen.“

 

 

Marie hatte alle Hände voll zu tun. Sie hatte ihren Aufenthalt in Italien auf unbestimmte Zeit verlängert und sich mit Hilfe von Anna und Raffael eine gemütliche und bereits möblierte kleine Wohnung in der Nähe der Piazza San Paolo gemietet. Gisele, ihre Schwester hatte erst gestern wieder angerufen und überraschenderweise ihren baldigen Besuch angekündigt. Außer Gisele und einer Handvoll Freunde hatte Marie in Deutschland niemanden mehr, den sie mit ihrem alten Leben in Verbindung bringen konnte. Deswegen freute sie sich umso mehr auf den Besuch ihrer Schwester in einigen Wochen..

Doch zuvor stand noch ein anderes wichtiges Ereignis ins Haus – Annas Hochzeit am kommenden Wochenende.

Ich möchte das du meine Trauzeugin bist“, hatte sie eines Abends gesagt und Marie erwartungsvoll angesehen. Es war völlig klar, dass Anna ein Nein niemals akzeptiert hätte. Und wenn Marie ehrlich war: Sie freute sich viel zu sehr für das junge Paar, sodass sie der Bitte der Freundin nur zu gern nachgegeben hatte. Die Hochzeitsvorbereitungen liefen mittlerweile auf Hochtouren und wie alle anderen, war auch Marie seit Tagen damit beschäftigt, überall mit anzupacken wo es notwendig war. Anna hatte ihr zudem noch die Aufgabe übertragen, den Blumenschmuck für die Kirche und die anschließende Feier zu gestalten, nachdem sie erfahren hatte, dass Marie in Deutschland zusammen mit ihrer Schwester einen gutgehenden Blumenladen betrieb.

Mit Feuereifer bastelte sie nun schon seit Tagen am üppigen Brautautoschmuck und an den hübschen kleinen Blumenansteckern für die geladenen Gäste.

Marie war so in ihre Arbeit vertieft, dass sie erschrak, als das Telefon klingelte.

Ich habe noch mehr Arbeit für dich“, tönte Annas Stimme aufgeregt aus dem Hörer. „Signora Coluzzi aus dem Nachbarort lässt fragen, ob du nicht auch den Blumenschmuck für die Hochzeit ihrer Tochter gestalten könntest, Signore Belozzia von gegenüber braucht etwas ausgefallenes für seine Silberhochzeit nächsten Monat..und dann wären da noch die Zazzarettas aus Albenga, die gerade eine große Doppelhochzeit planen...“

 

In der Nacht fand Marie lange keinen Schlaf. Ihre Gedanken kreisten darum, wie sehr sich ihr Leben in den letzten drei Monaten zum positiven verändert hatte. Sie war hier in Italien lieben Menschen begegnet, die mittlerweile wie eine Familie für sie geworden waren. Selbst was ihre Arbeit anbetraf, hatte sich inzwischen einiges getan. Ihre Schwester Gisele führte das gemeinsame Geschäft in München weiter und Anna hatte erst heute nachmittag wieder den Vorschlag gemacht, hier in Bonassola eine Filiale zu eröffnen. „Drüben, an der Piazza San Francesco steht seit kurzem ein kleiner Laden leer – genau das richtige für dich. Blumen mag doch schließlich fast jeder, und du und deine wunderbaren Ideen, ihr werdet die Leute hier einfach umhauen...“

Maries Lippen umspielte ein seliges Lächeln bevor sie einschlief und von ihrem neuen aufregenden Leben träumte...

 

 

 

Oh Gott Marie, das ist einfach nur traumhaft schön.“ Anna war zu Tränen gerührt, als sie die festlich geschmückten Tische im Garten ihrer Eltern zu Gesicht bekam. Marie schmunzelte. Sie hatte sich mit der Tischdekoration für Annas Hochzeit selbst übertroffen. Weiße und tiefrote Rosen ineinander verschlungen bildeten in der Mitte des Hochzeitstisches ein wirklich einzigartiges und atemberaubendes Buket. Es war, wie sie fand ihre bislang beste Arbeit und man konnte an jedem noch so kleinen Detail erkennen, mit wieviel Herzblut sie bei der Sache gewesen war. Anna hatte so viel für sie getan und nun wollte sich Marie wenigstens ein Stück weit bei ihr revangieren.

Hier war ja eine richtige Künstlerin am Werk“, tönte es plötzlich neben ihr und ein paar tiefbraune Augen funkelten mit denen der Braut um die Wette.

Oliver“, rief Anna begeistert und warf sich überglücklich in die Arme des Fremden. Dann grinste sie spitzbübisch und wandte sich Marie zu. „Ich möchte dir gerne jemanden vorstellen: Marie, - das ist Oliver Marconi - mein Bruder. “

 

 

Das hat mit Sicherheit die liebe Anna eingefädelt, dachte Marie wenig später und lächelte in sich hinein. Die Freundin hatte kurzerhand die Tischkarten vertauscht und so dafür gesorgt, dass Marie und Oliver nun gemeinsam an einem Tisch saßen.

Annas Bruder war nicht nur ein sehr attraktiver Mann sondern zudem ein

guter Tänzer. Er hatte Marie zu einem Tanz überredet und nun wirbelte er mit ihr übers Parkett, sodass sie das Gefühl überkam, zu fliegen. Dann dröhnte IHR Lied aus den übergroßen Boxen... Felicità.....Fast drei Jahre lag es inzwischen zurück, dass sie zuletzt unbeschwert und glücklich zu diesem Lied getanzt hatte... mit Tom, ihrem Mann, der jetzt tot und begraben in München auf dem Friedhof lag...

Ein düsterer Schatten huschte über Maries Gesicht aber Oliver Marconi hatte ihn dennoch bemerkt. Sanft nahm er sie am Arm und führte sie von der belebten Tanzfläche fort an ein ruhigeres Plätzchen.

Was ist passiert“, fragte er besorgt. „Möchtest du darüber sprechen?“ Doch Marie schüttelte den Kopf. In ihren Augen schwammen Tränen, als sie Olivers Blick erwiderte. Dann straffte sie energisch die Schultern und brachte sogar ein schiefes Lächeln zustande. „Heute ist Annas großer Tag“, sagte sie fest. „ und den sollten wir auch gemeinsam mit ihr feiern..“

Und obwohl sich Marie den ganzen Abend vergnügt gab und darauf bedacht war, sich nichts mehr anmerken zu lassen, ahnte Oliver Marconi, dass tief in ihr ein Orkan der Gefühle wütete...

 

Unsanft schreckte Marie aus dem Schlaf.

Das Telefon!

Wer störte sie denn zu nachtschlafender Zeit? Marie stöhnte genervt, während sie sich streckte und nach dem Hörer auf dem Nachtkästchen angelte..

Marie Sommer, Guten Morgen.“

Ihre Stimme klang verschlafen und wie ein Reibeisen. Sie musste im Schlaf geweint haben, denn ihre Augen fühlten sich total verquollen an und brannten wie der Teufel.

Guten Morgen?“

Der Mann am anderen Ende der Leitung lachte amüsiert.

Na du bist lustig...Hast Du mal auf die Uhr gesehen? .....“

Marie griff erstaunt nach ihrem Wecker, der ebenfalls auf dem Nachtkästchen stand und erschrak. Es war beinahe zwölf Uhr und sie hatte den ganzen Vormittag verschlafen, was völlig untypisch für sie war. Außerdem fühlte sie sich keineswegs ausgeschlafen oder gar erholt. Jeder einzelne Knochen in ihrem Körper schmerzte und ihr Kopf dröhnte zum Gotterbarmen. Was war nur los mit ihr? Und auf einmal fiel ihr Felicita

wieder ein. Und das sie gestern, zum ersten Mal in ihrem Leben, mit einem anderen Mann als Tom dazu getanzt hatte. Schon als kleines Mädchen hatte sie mit ihm, ihrer Sandkastenliebe zu Felicita getanzt und davon geträumt, eines Tages seine Braut zu sein. Und tatsächlich war Felicita keine zwanzig Jahre später ihr Hochzeitslied anstelle des Walzers gewesen und Marie bekam noch immer eine Gänsehaut, wenn sie an jenen wundervollen Moment vor acht Jahren dachte.

Sie schrak zusammen als Olivers Stimme aus dem Telefon zu ihr durchdrang. Ihn hatte sie ja total vergessen...

Bitte entschuldige, ich war mit meinen Gedanken ganz woanders...“, stammelte sie und wie auf Befehl wurden ihre Hände eiskalt und begannen zu schwitzen.

Marie“, kam es sanft von Oliver, du musst dich für gar nichts entschuldigen. Ich rufe doch nur an, weil ich dich zum Mittagessen einladen wollte. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass du noch nicht mal dein Frühstück hattest, rufe ich wohl besser später noch mal an..“

Marie überlegte. Ihr Magen grummelte vor Hunger und beim Gedanken an ein knusprig gebackenes Bruscetta mit Tomaten, Käse und Oliven lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Alle Zutaten, samt einer Flasche von dem guten Rotwein aus der kleinen Weinkellerei des Nachbarortes hatte sie im Haus, und gegen ein bisschen Gesellschaft beim Essen war eigentlich nichts einzuwenden. Dennoch hatte sie das Bedürfnis sich die Bettdecke über den Kopf zu ziehen und den ganzen Tag liegen zu bleiben...

Auf einmal hatte sie den Refrain von Felicita im Ohr und die geliebten Gesichter von Tom und Maxi vor Augen. Tom sah sie liebevoll an und lächelte aufmunternd. Auch Maxi lachte und warf ihr mit seinem pummeligen Ärmchen eine Kusshand zu. In Marie krampfte sich alles zusammen. Wenn es doch nur nicht noch immer so schrecklich weh tun würde...Sie schnappte nach Luft..

Wenn du Lust hast, dann sei in einer halben Stunde bei mir“, brach es plötzlich aus ihr hervor. „Es gibt geröstete Bruscetta, Salat und Rotwein...“ Mit letzter Kraft legte sie den Hörer auf und ließ sich zurück in die Kissen fallen.. Ein weiterer Schritt war getan...

 

Mhm, das war einfach fantastisch“, schwärmte Marie und leckte sich genießerisch die öligen Lippen. Oliver war einige Minuten früher als verabredet bei ihr gewesen und hatte sich sogleich angeboten, tatkräftig bei der Zubereitung der Speisen mitzuhelfen. Er hatte einen köstlichen Salat gezaubert, während Marie die Bruscetta geröstet hatte. Jetzt saßen sich beide gesättigt und zufrieden gegenüber. Keiner von ihnen sprach ein Wort und doch... Marie wusste, das sie diejenige sein sollte, die das Schweigen zwischen ihnen brach.

Sein Name war Tom“, begann sie daher mit fester Stimme und versenkte ihren Blick in Olivers dunkelbraune Augen. „Wir waren so unendlich glücklich miteinander, hatten sogar ein Kind.. einen Sohn.. Maxi...Er war erst vier Jahre alt, als sie verunglückten..“ Maries Stimme brach.

 

 

Oliver hielt Marie fest in seinen Armen, strich ihr zärtlich über den Rücken. Ihre traurige Geschichte hatte ihn zutiefst berührt. Und es gab nichts, absolut gar nichts was er hätte zu ihr sagen können. Kein Wort des Trostes. Und auch kein Wort des Mitgefühls. Das was Marie widerfahren war, bedurfte keiner Worte. Statt dessen bot er ihr was sie wirklich brauchte und hörte einfach nur zu.. Erfuhr was es mit Felicita auf sich hatte. Das hatte sie nicht einmal Anna erzählt..Als Marie Oliver dann aus ihren verweinten Augen ansah, konnte er die Andeutung eines Lächelns erkennen. Er wusste von von seiner Schwester, dass Marie in den letzten Wochen ein neues Leben an der Küste begonnen hatte. Und das sie plante, sich für immer hier niederzulassen, um auf Dauer verarbeiten zu können, was passiert war.

Dank dir bin ich gestern und heute einen großen Schritt weitergekommen“, sagte Marie und sah Oliver aus ihren verweinten Augen dankbar an.

Der schien verwirrt.

Na unser Tanz gestern“, erklärte sie, „und unser gemeinsames Essen heute...“ Marie schenkte ihm ein wackeliges Lächeln. „ So viel Nähe zu einem anderen Mann wäre mir bis vor kurzem noch völlig unmöglich erschienen..Aber Dank dir weiß ich jetzt, dass ich irgendwann wieder bereit sein werde. Bereit für eine neue Liebe und für ein neues Glück..“

Oliver sah ihr tief in die Augen und lächelte verschmitzt. „Dann ist Annas Plan ja beinahe aufgegangen...“

Annas Plan?“ Marie stemmte in gespielter Empörung die Hände in die Seiten.

Anna kennt uns beide wahrscheinlich besser als uns lieb sein dürfte“, sagte Oliver und grinste. „Seit Wochen hat mir meine kleine Schwester immer wieder vorgeschwärmt, was für eine tolle Frau du doch bist. Und jetzt, wo wir einander begegnet sind, weiß ich erst wie recht sie damit hat. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, mein Herz irgendwann Hals über Kopf an eine Frau zu verlieren, die ich noch nicht einmal richtig kennen lernen durfte.. Dennoch - Nichts würde mich glücklicher machen, als zu warten, bis du ebenfalls dazu bereit bist, mich kennen und lieben zu lernen....“

Marie starrte Oliver fassungslos aus weit aufgerissenen Augen an. Ihre Wangen verfärbten sich tiefrot. Plötzlich verspürte sie das dringende Bedürfnis, vor ihm davonzulaufen. Doch das konnte sie einfach nicht. Statt dessen blieb sie wie angewurzelt stehen und blickte an ihm vorbei ins Leere.

Oliver war verliebt in sie?

Marie wurde auf einmal ganz warm ums Herz. Wie gut sich das anfühlte...und doch hatte sie höllische Angst davor. Angst, außer Maxi und Tom noch jemanden in ihr Herz zu lassen. Und wieder hörte sie, wie aus der Ferne, den Refrain von Felicita. Sah ihren Sohn Maxi, der er ihr lächelnd zuwinkte und hinter dem Horizont verschwand. Tom, der ebenfalls lächelte und dann auch verschwand. Und plötzlich wusste Marie was zu tun war. Was sich die beiden ehemals wichtigsten Menschen in ihrem Leben für sie gewünscht hätten. Eine Träne stahl sich aus ihrem Augenwinkel, als sie sich Oliver zu wandte.

Maries Hände fanden die seinen, zogen in ihn zu sich heran.

Wenn ich einen Mann kennen und lieben lernen möchte dann dich“, flüsterte sie halb lachend, halb weinend. „Doch zuerst möchte ich mit dir tanzen. Einfach nur tanzen, bis ans Ende der Welt.“

  Ende