Truestory: Wie konnte ich nur meinen Schüler schlagen ... erschienen im Kelter Verlag 2012

Ich werde mir nie verzeihen können, dass ich einen meiner Schüler geschlagen habe ...

 

 

Schon als kleines Mädchen habe ich immer davon geträumt, Lehrerin zu werden.

Im Laufe meines Erwachsenwerdens wurde dieser Wunsch zu meinem ganz großen Ziel, auf das hin ich rund um die Uhr hart gearbeitet und sowohl Abitur als auch Studium mit Bravour absolviert habe.

Das Gefühl, als ich nach Beendigung meines Studiums vor meiner allerersten Klasse stand, werde ich nie vergessen. Vor mir saßen zweiundzwanzig wissbegierige kleine Menschen, die nur darauf brannten, lesen, schreiben und rechnen zu lernen. In diesem Moment wusste ich, dass es für mich nie wieder etwas anderes geben würde ...

Über zehn Jahre lang war ich anschließend mit Leib und Seele Lehrerin, bis mich eine private Katastrophe an den Rand des Nervenzusammenbruchs katapultierte und dazu brachte, dass ich den größten Fehler meiner beruflichen Laufbahn beging. Den größten Fehler meines gesamten bisherigen Lebens ...

 

*

 

„Frau Friedrich, bitte kommen Sie umgehend in mein Büro!“

Nie werde ich den wie versteinert wirkenden Gesichtsausdruck meines Vorgesetzten vergessen, als er mich damals, im Juli 2005, in sein Büro zitierte.

Sein enttäuschter, beinahe fassungsloser Blick ging mir durch Mark und Bein.

Ich erinnere mich noch, wie er, nachdem ich die Tür seines Büro´s hinter mir geschlossen und mich ihm gegenüber an seinen Schreibtisch gesetzt hatte, verzweifelt nach den richtigen Worten suchte.

„Ich werde Sie entlassen müssen“, seufzte er schließlich und knetete nervös seine Hände.

„In meiner Position als Schulleiter kann ich es absolut nicht verantworten, dass einer Lehrerin oder einem Lehrer die Hand ausrutscht ... Schon gar nicht gegenüber einem unserer Schüler. “

Er schüttelte den Kopf.

„Sie wissen, dass dies ein Nachspiel haben wird?“

Noch nie hatte ich Theodor Weiland, Schulleiter der hiesigen Grundschule, derart außer sich gesehen. Mir war so elend zu mute, dass ich kein einziges Wort über meine Lippen brachte.

Statt dessen nickte ich nur und blickte auf meine Schuhspitzen.

Ich brachte es nicht fertig, meinem Chef in die Augen zu sehen.

„Helfen Sie mir bitte zu verstehen“, sagte er plötzlich und musterte mich besorgt. „Wie konnte es dazu kommen, dass Sie derart die Nerven verloren haben?“

Ich wusste, dass es an der Zeit war, die Karten offen auf den Tisch zu legen ...

Der Kloß in meinem Hals wurde immer größer und schnürte mir die Luft ab, trotzdem zwang ich mich, tief durchzuatmen.

„Weil ich, seit mich mein Mann wegen einer anderen Frau verlassen hat, langsam aber sicher die Kontrolle über mein Leben verliere ...“

 

 

*

 

Hannes und ich haben uns zu Studienzeiten an der Uni kennengelernt.

Ich hatte mich damals auf Anhieb in ihn und seine liebenswert chaotische Lebenseinstellung verliebt und war überglücklich, als er mir irgendwann gestand, genauso für mich zu empfinden.

Als er mich kurz nach unserem Examen völlig überstürzt fragte, ob ich seine Frau werden will, hätte ich vor Freude die ganze Welt umarmen können. Und obwohl mir klar war, dass wir uns für einen solchen Schritt noch nicht lange genug kannten, habe ich keine Sekunde an der Richtigkeit meiner Entscheidung gezweifelt und ihm schon wenige Monate später bei einer kleinen Feier im engsten Familienkreis mein Ja -Wort gegeben.. Ich liebte Hannes und war mir absolut sicher, dass er der Mann ist, an dessen Seite ich alt werden würde.

Wie sehr ich mich in dieser Hinsicht sowohl in ihm, als auch in meinem Glauben täuschen sollte, erkannte ich erst, als es längst zu spät war ...

 

 

*

 

„Du wirst was?!?“

Meine Stimme klang schrill und überschlug sich beinahe.

„Es tut mir so leid“, stotterte Hannes und sah schulterzuckend zu Boden,

„aber es ist einfach passiert.“

Ich schluckte hart und starrte meinen Mann fassungslos an.

Obwohl ich längst verstanden hatte, dauerte es noch einen weiteren Augenblick, bis die Information vollständig zu mir durchgedrungen war.

In Hannes Leben gab es eine andere Frau und dessen nicht genug, bekam sie auch noch ein Kind von ihm.

„Im wievielten Monat ist sie?“

Hannes atmete tief ein und blickte mir fest ins Gesicht.

„Im Achten. Das Baby kommt in November zur Welt ...“

Ungläubig schüttelte ich den Kopf.

„Du betrügst mich also schon seit Monaten und alles was du dazu zu sagen hast, ist dass es Dir leid tut?“

Plötzlich fühlte es sich so an, als würde mir der Boden unter den Füßen weggerissen.

Der Mann, wegen dem ich seit Beginn unserer Ehe auf eigene Kinder verzichtet hatte, wurde Vater ...

Plötzlich schossen mir die Erinnerungsfetzen eines Gesprächs mit Hannes durch den Kopf, zwei Jahre nach unserer Hochzeit, in dem es um unsere Zukunft ging. Damals hatte er mir unmissverständlich klar gemacht, dass er für ein Kind noch lange nicht bereit sei und es vielleicht niemals sein würde.

„Ich bin nicht der Vatertyp“, erklärte er mir.

„Wenn ich nur daran denke, irgendwann eine solche Verantwortung übernehmen zu müssen, macht es mir eher Angst, als das es sich gut anfühlt.“

An jenem Tag haben Hannes und ich noch lange über das Thema Kinder diskutiert und sind schließlich zu dem Schluss gekommen, dass es besser ist, erst mal abzuwarten.

Am Ende ist daraus eine stille Übereinkunft geworden, dass unser Leben kinderlos bleiben soll.

Die Tatsache, dass es gerade Hannes war, der diese Übereinkunft brach und bald Vater wurde, ließ ein hysterisches Kichern aus meiner Kehle dringen.

Tief in mir tobte ein Gefühlschaos, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Wut, Verzweiflung, Trauer und Angst – meine Emotionen fuhren Achterbahn und drohten, mir den Verstand zu vernebeln. Trotzdem schaffte ich es noch irgendwie, mich zusammenzureißen, bis Hannes stillschweigend seine Taschen gepackt hatte und ohne sich noch einmal umzudrehen unsere Wohnung verließ.

Erst als ich allein war und mich die plötzliche Stille wie ein düsterer Schleier umfing, brach ich hemmungslos schluchzend zusammen.

Alles, woran ich bislang geglaubt hatte, war innerhalb weniger Minuten wie ein Kartenhaus in sich zusammengestürzt, weil Hannes mich verraten und wegen einer anderen Frau, nach über acht Jahren Ehe einfach so verlassen hatte ...

 

*

 

Die ersten Tage nach unserer Trennung verbrachte ich in einer Art Dämmerzustand. In der Schule hatte ich mich krank gemeldet und eine Grippe vorgetäuscht, die mir mein Chef in Anbetracht meiner rauen und verheulten Stimme ohne weiteres abnahm.

Der erste Arbeitstag, eine knappe Woche nach dem Zusammensturz meines Privatlebens, war ein Kraftakt, der mir alles abverlangte. Meine Finger zitterten, als ich meinen Kleiderschrank öffnete und mir frische Wäsche heraus nahm. Die gähnenden Leere auf Hannes Schrankseite schnürte mir die Kehle zu und nahm mir die Luft zum Atmen.

Hinzu kam die erdrückende Stille in meiner Wohnung, in der Hannes und ich einst so glücklich waren.

Nur mit allergrößter Anstrengung schaffte ich es schließlich, mich während meines ersten Arbeitstages völlig normal zu geben, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich Hilfe benötigte.

Die Trennung, Hannes Auszug sowie die Tatsache, dass er mich betrogen hatte und bald Vater wurde - all das war schon schwer genug. Allein der Gedanke an mitleidige Blicke und aufmunternde Worte meiner Kollegen war kaum zu ertragen, sodass ich mich dazu entschloss, vorerst niemandem von meinem Dilemma zu erzählen.

 

 

*

 

Nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause zu kommen und von nichts als Stille umgeben zu sein, war absolut grausam und zermürbend.

Ich erinnere mich noch genau an den Abend, welcher rückblickend betrachtet wohl der Anfang vom Ende meiner Karriere war.

Die Einsamkeit, vermischt mit den Erinnerungen an glücklichere Zeiten bereitete mir damals fast schon körperliche Schmerzen, die ich versuchen wollte, mit einem Glas Rotwein zu betäuben. Hinzu kam die Tatsache, dass sich Hannes nach seinem Auszug weder gemeldet, geschweige denn erkundigt hatte, wie es mir ging. Ich schien ihm völlig egal zu sein und das machte es mir noch schwieriger, mit der Situation umzugehen.

An jenem Abend trank ich nicht nur ein Glas Rotwein, sondern die ganze Flasche, weil ich feststellte, dass sich die finstere Leere in meinem Innern mit jedem Schluck ein bisschen weniger schmerzhaft anfühlte.

 

 

*

 

 

Anfangs war es wie ein Befreiungsakt, endlich etwas gefunden zu haben, womit ich meinen Schmerz für kurze Zeit betäuben und die einsamen Abende einigermaßen unbeschadet überstehen konnte. Doch umso öfter und regelmäßiger ich trank desto mehr bekam ich das Gefühl, ohne meine abendliche Flasche Wein nicht stark genug zu sein, um weiterleben zu können.

Das Resultat: Ich verschlief mehrmals die Woche, erschien oft viel zu spät zum Unterricht und konnte meinen Lehrplan nicht mehr einhalten. Ich will nicht sagen, dass mein Körper den Alkohol brauchte und ich Alkoholikerin war - nicht von einer Flasche Wein pro Abend - aber das eine psychische Abhängigkeit bestand, daran gibt es rückblickend betrachtet keinen Zweifel für mich.

Vor allem meine Schüler litten unter der veränderten Situation, weil aus ihrer einst zuverlässigen Ansprechpartnerin eine Person geworden war, auf die sie nicht mehr zählen konnten. Ich war ein Nervenbündel, viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um noch ausreichend auf meine Schüler und deren Probleme eingehen zu können.

Meine guten Schüler verschlechterten sich, die schwächeren wurden noch schwächer und es gab nichts, absolut gar nichts, was ich hätte dagegen tun können. Mir fehlte schlicht und ergreifend die Kraft, in mein altes Leben zurück zu finden.

Auch meinen Kollegen fiel meine negative Veränderung irgendwann auf. Nicht nur, dass sich meine Fehlzeiten innerhalb kürzester Zeit fast verdoppelt hatten und sie deshalb immer öfter für mich einspringen mussten, hagelte es auch bald von Seiten der Eltern meiner Schüler und vom Schulamt Kritik.

 

*

 

„Frau Friedrich, könnte ich kurz sprechen?“

Ich erinnere mich noch an das Gespräch mit meinem Chef, etwa zwei Monate bevor es zum Eklat kam.

„Mir ist aufgefallen, dass die Leistungen ihrer Schüler rapide nachgelassen haben und sich immer mehr Eltern bei mir über sie beschweren ... Die Veränderung ihrer Arbeitseinstellung, ihre ständige Unpünktlichkeit – all das macht ihren Schülern Angst und mir ehrlich gesagt große Sorgen.“

Herr Weiland sah mich über den Rand seiner Brille eindringlich an.

„Wenn es etwas gibt, wobei ich ihnen helfen kann“, versuchte er, an mich heranzukommen.

„Sie sehen in letzter Zeit immer so blass und krank aus, das ist auch ihren Kollegen aufgefallen. Doch um ihnen helfen zu können, müssen wir wissen, was genau ihnen fehlt.“

Ich knetete nervös meine Hände im Schoß und versuchte mich an einem Lächeln, welches mir kläglich misslang und Theo Weiland dazu brachte, mich noch besorgter anzusehen.

„Ich merke doch, dass sie nicht mehr die Alte sind, Frau Friedrich. Wenn sie mir nicht sagen möchten, was los ist, dann verstehe ich das natürlich, aber vielleicht könnten sie sich einer lieben Kollegin anvertrauen oder dem psychologischen Lehrer - Beratungsdienst. Ihre Schüler brauchen sie gerade jetzt dringender denn je. Doch um für die Kinder stark sein zu können, müssen sie zuerst sich selbst helfen und zu ihrer alten Form zurückfinden ...“

 

*

 

Obwohl ich wusste, dass mein Chef recht hatte und es nur gut meinte, schaffte ich es zu dem Zeitpunkt einfach noch nicht, mit irgend jemandem ganz offen über meine Probleme zu sprechen, geschweige denn, Hilfe anzunehmen.

Statt dessen ließ mich das Gespräch mit Theo Weiland tagelang nicht mehr los und verstärkte mein Gefühl, in jeder Hinsicht versagt zu haben, nur noch mehr. Immer wieder musste ich über seine Worte nachdenken, dass es vor allem meine Schüler waren, die unter meiner Veränderung litten und nicht wussten, ob sie noch auf mich zählen konnten.

Doch so sehr ich mich auch bemühte, gegen meine inneren Dämonen anzukämpfen, das Trinken zu lassen und mich sowohl von der Einsamkeit, als auch von meinem angeschlagenen Selbstbewusstsein nicht immer wieder runter ziehen zu lassen – es klappte einfach nicht.

Ich war gefangen in einem Kokon, indem es außer meinem zerstörten Glauben an Liebe und Vertrauen nur noch Selbsthass und Selbstmitleid gab.

 

 

*

 

 

Der Tag, an dem mein Leben endgültig in sich zusammenstürzte, war ein Sonntag.

Hannes hatte mich zum ersten Mal nach seinem Auszug angerufen und mir erklärt, dass er sich einen Anwalt gesucht und die Scheidung eingereicht habe.

In dem Moment blieb mir nichts anderes mehr übrig, als mir endlich einzugestehen, dass es vorbei ist. Insgeheim hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt immer noch gehofft, dass er irgendwann zu mir zurück kommt. Erst sein Gang zum Anwalt hatte mir die Endgültigkeit seiner Entscheidung und unserer damit verbundenen Trennung klargemacht.

An jenem Sonntagabend trank ich bis zur absoluten Besinnungslosigkeit. Ich wünschte mir in dem Augenblick nichts sehnlicher, als das furchtbare Gefühl, aufs bitterste verraten und gedemütigt worden zu sein, komplett ausschalten zu können.

 

 

*

 

Es geschah während der Frühstückspause, am Montag nach meinem totalen Zusammenbruch, als ich Zeuge wurde, wie der achtjährige Andreas Bertold, einer meiner Schüler, seine Klassenkameradin mit bösen Schimpfwörtern attackierte.

„Jule, Jule, fettes Schwein, macht sich in die Hosen rein ...“

Gemeint war Julia Strelitz, die von klein auf unter schlimmen Asthma litt und wegen cortisonhaltiger Medikamente stark übergewichtig war.

Andreas hatte an jenem Tag wieder mal solange auf Julia ein gebrüllt und sie vor ihren Mitschülern gedemütigt, dass sie sich völlig verängstigt zurückzog und weinte.

„Andreas“, versuchte ich es zuerst im Guten, „du entschuldigst dich jetzt auf der Stelle bei Julia oder ich muss deine Eltern vorladen.“

Rückblickend betrachtet, habe ich mich in jenem Moment wohl zu sehr von eigenen Emotionen leiten lassen und den Bezug zur Realität verloren, denn als mir der kleine Junge daraufhin hämisch ins Gesicht lachte und trotzig seinen Kopf schüttelte, verlor ich die Fassung.

Ich war zu einer tickenden Zeitbombe geworden, zu einer Person, deren Gefühle in jenem Moment überkochten und mich zu einer Handlung hinrissen, die ich bis an mein Lebensende bereuen werde.

Der heftige Schlag ins Gesicht des Jungen, die sich auf seiner Wange abzeichnenden Umrisse meiner Hand, – an all das erinnere ich mich nur wie durch einen trüben Schleier.

Woran hingegen ich mich noch sehr genau erinnere, sind das entsetzte Gesicht des Jungen, dessen bitteren Tränen und die Angst in den Augen meiner anderen Schüler, nachdem sie registriert hatten, was passiert war.

In dem Moment gab es wirklich nichts, was ich mir mehr gewünscht hätte, als das Vorgefallene ungeschehen machen zu können.

 

*

 

Natürlich war mir von Anfang an klar, dass es für das, was ich getan habe, keine Entschuldigung geben kann. Ich habe ein mir anvertrautes Kind geschlagen und damit sowohl das Vertrauen meiner Schüler, als auch das deren Eltern missbraucht. Trotzdem rief ich kurz vor meiner Entlassung aus dem Schuldienst einen letzten Elternabend ins Leben, bei dem ich mich öffentlich für mein Handeln verantworten und in aller Form entschuldigen wollte.

Nie werde ich sie vergessen, die Fassungslosigkeit auf den knapp fünfzig Gesichtern der Eltern meiner Schüler, deren Zorn darüber, wie sehr sie sich in mir getäuscht hatten.

Halt, hätte ich damals am liebsten gerufen, Stopp, sie verurteilen mich zu Unrecht, ich habe das alles nicht gewollt.

Doch tief in meinem Innern wusste ich, dass sie mich nicht verstehen würden, weil es absolut nichts gab, das sie verstehen mussten.

Wir alle können schließlich selbst entscheiden, in welche Richtung sich unser Leben weiter bewegen soll und wie wir am besten mit gewissen Situationen umgehen und aus dessen Konsequenz heraus handeln sollten. Ich habe mich erst viel zu spät für den einzig richtigen Weg entschieden und damit nicht nur mir, sondern auch unschuldigen Kindern geschadet. Kindern, die mich gemocht und mir vertraut hatten.

 

*

 

Nach meiner Entlassung, habe ich mich freiwillig dazu entschlossen, eine Therapie zu machen.

Eine langwierige Therapie, die mir rückblickend sehr dabei geholfen hat, langsam wieder zu mir selbst zu finden und zu dem Menschen zu werden, der ich früher einmal war. Und obwohl ich mein Leben inzwischen wieder in den Griff und eine zweite berufliche Chance an einer Privatschule bekommen habe, wird meine Wut

auf mich selbst immer Teil meines Lebens bleiben.

Ich werde wohl in Zukunft lernen müssen, mit dieser Schuld zu leben.

Mit der Schuld, meinen ehemaligen Schülern etwas wertvolles genommen zu haben – ihre kindliche Unbeschwertheit sowie ihr Vertrauen in uns Lehrer.

 Ende



Truestory : Unsere Liebe basiert auf einer Lüge - erschienen im VPM Verlag 2010

Markus B. 39,

Wenn Schweigen ein Leben zerstört....

 

Seit mehr als zwei Jahren sehnt sich meine Frau verzweifelt nach einem Kind. Doch mit mir an ihrer Seite, kann dieser Traum für sie niemals Wirklichkeit werden ...

 

 

Wieder kein Glück gehabt.“ Bleich und mit tiefschwarzen Ringen unter ihren verquollenen Augen trat Marie aus dem Badezimmer. In der rechten Hand hielt sie den Schwangerschaftstest so fest umklammert, dass die Knöchel ihrer Hand weiß hervor traten.

Man konnte Maries Verzweiflung beinahe mit Händen greifen, ihr leerer Blick sagte mehr als tausend Worte. Inzwischen schien sie nicht einmal mehr die Kraft zu haben, Tränen zu vergießen.

Liebling, komm her...“ Ich wollte meine Frau in die Arme nehmen, ihr Halt geben, sie sanft hin und her wiegen, solange, bis es ihr etwas besser gehen würde.

Doch Marie wehrte mich heftig ab. „Nein,...bitte...lass mich einfach in Ruhe.“

Mit eigenartig stumpfen, fast schon apathischen Bewegungen und hängenden Schultern schlurfte meine einst so lebenslustige Frau in Richtung Schlafzimmer.

Ich wusste auch ohne das ich ihr nachging, was nun folgen würde...

Viel zu oft hatte ich es bereits miterleben müssen. Ich hielt den Atem an.

Kurz darauf hörte ich, wie die Rollos im Schlafzimmer herunter gelassen wurden. Einer nach dem anderen. Ich blickte zur Uhr. Noch nicht einmal vier Uhr nachmittags... Dann das erstickte Keuchen meiner Frau. Eine Mischung aus Weinen, und dem Versuch, nicht zu hyperventilieren.

Nach einigem Zögern entschloss ich mich doch nach ihr zu sehen. Vorsichtig öffnete ich die Tür. Bei Maries Anblick gefror mir fast das Blut in den Adern. Zusammengerollt wie ein Embryo wirkte sie noch zerbrechlicher wie zuvor. Ihr Atem ging schwer und stoßweise. Ein neuer schwerer Depressionsschub stand an.

Schatz?“, versuchte ich es zunächst. „ Bitte, rede mit mir. Der Arzt hat gesagt, dass Reden das Wichtigste überhaupt ist..“

Keine Reaktion.

Marie!“ Sanft strich ich meiner Frau über den bebenden Rücken.

Bestimmt klappt es beim nächsten Mal.“ Ich zuckte zusammen, als mir bewusst wurde, wie leicht mir diese Lüge von den Lippen gegangen war. Ich holte tief Luft und versuchte, den immer größer werdenden Kloß in meinem Hals einfach wegzuatmen, doch es funktionierte nicht. Trotzdem log ich weiter.

Wir haben doch noch alle Zeit der Welt...und außerdem hat der Arzt gesagt, dass es unter Umständen normal sein kann, dass es länger dauert, bis sich eine Schwangerschaft einstellt.“

Langsam drehte sich Marie zu mir um. Ihr Blick war noch immer trüb und vollkommen leer. Es war, als sähe sie durch mich hindurch. Zwar versuchte sie zu lächeln, doch am Ende erinnerte ihr schönes Gesicht eher an die Grimasse eines gequälten Clowns, als an einen Menschen, der sich in Zuversicht versucht ...

Plötzlich bewegten sich ihre blassen Lippen und es dauerte eine Weile bis ich begriff, dass sie mir etwas sagen wollte.

Irgendwann wirst du es genauso sehen wie ich...“

Eine Träne stahl sich aus Maries Augen.

Was werde ich sehen?“

Sie begann zu schluchzen.

Na, das ich es einfach nicht wert bin, dass du bei mir bleibst. Ich krieg es ja noch nicht mal hin, schwanger zu werden...“

Eine Welle heißer Wut schlug über mir zusammen. Du bist so ein Mistkerl, beschimpfte ich mich in Gedanken selbst, dann wurde mir kurzzeitig speiübel. Mein Herz raste. Ich schloss die Augen und versuchte, mich wieder in den Griff zu bekommen.

Dann drückte ich meine Frau zärtlich an mich und sah ihr fest in die Augen:

Du weißt doch, dass ich dich über alles liebe. Ob wir nun jemals Eltern werden oder nicht, spielt dabei überhaupt keine Rolle.“

Ich biss mir heftig auf die Lippen.

Ich mochte nicht darüber nachdenken, wie oft ich dieses Theater in den letzten Monaten schon gespielt hatte, doch eines wusste ich genau: Daran gewöhnen würde ich mich nie...Im Gegenteil. Gerade in letzter Zeit überkam mich immer häufiger das Gefühl, irgendwann mit Haut und Haar von meinem schlechten Gewissen verschlungen zu werden...

 

 

Es war kurz vor meinem 21. Geburtstag, als ich eines Morgens diese Knoten in der Axel und Leistengegend bemerkte. Weil sie keine Schmerzen verursachten, beschloss ich, erstmal abzuwarten. Ein folgenschwerer Fehler!

Kurz darauf kam starker Nachtschweiß hinzu und ein extremes Schwächegefühl stellte sich ein. Irgendwann fühlte ich mich so schlecht, dass mich meine Mutter dazu drängte, doch endlich einen Arzt aufzusuchen.

Nach zahlreichen Tests und Untersuchungen stand fest, dass ich an Lymphdrüsenkrebs im zweiten Stadium litt. Meine Prognose war dank meines jugendlichen Alters und der einigermaßen frühzeitigen Diagnose nicht so schlecht, wie zu Anfang angenommen. Ich überstand sowohl die Operation, bei der mir alle befallenen Lymphdrüsen entfernt wurden, als auch zwei Bestrahlungen und drei anstrengende Chemokuren.

Genau am Tag meines 23. Geburtstages galt ich als offiziell geheilt. Laut der Ärzte hatte ich den Krebs komplett besiegt und es gab nun nichts mehr, was mich davon abhalten würde, in Zukunft ein völlig normales Leben führen zu können. Nichts, bis auf die Tatsache, dass ich auf Grund der vielen Therapien mein Leben lang zeugungsunfähig sein würde...Ein Umstand, dem ich damals kaum Bedeutung beigemessen habe. Denn wer denkt schon gerne, nachdem er dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen ist, an Familienplanung? Ich wollte erstmal wieder leben und Spaß haben, die Strapazen der überstandenen Krankheit einfach vergessen...

 

Dann trat Kerstin - meine erste Frau - in mein Leben. Blond, zierlich und mit den strahlendsten blauen Augen ausgestattet, die ich je gesehen hatte. Es war für uns beide die erste richtig große Liebe und deswegen wollte ich auch von Anfang an ehrlich zu ihr sein.

Schatz“,begann ich deswegen eines Tages unbeholfen, als wir uns bei Pizza und Rotwein gegenüber saßen. Zu dem Zeitpunkt gingen wir bereits seit vier Monaten miteinander und langsam bekam ich den Eindruck, dass es ernst zwischen uns wurde. „Ich weiß gar nicht so richtig wie ich anfangen soll. Wie hast du dir deine Zukunft eigentlich vorgestellt?“

Ich erinnere mich noch, dass Kerstin lachen musste, weil ich knallrot angelaufen bin.

Wie meinst du das denn? Meine Zukunft mit dir? Keine Ahnung....da habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“

Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken, doch ich wusste, dass dieses Gespräch längst überfällig war.

Ich frage nicht ohne Grund“, erklärte ich ihr nach einem nervösen Räuspern. „Wenn du nämlich irgendwann Kinder möchtest...eigene Kinder meine ich, dann bin ich nicht der richtige Mann für dich.“

Kerstin sah mich sprachlos an.

Du willst jetzt schon über Familienplanung reden? Also gut - vielleicht möchte ich ja mal Kinder – irgendwann - , aber wenn du keine willst und wir beschließen, dass wir zusammenbleiben dann...haben wir eben keine Kinder. Ist ja auch nicht weiter schlimm.“ Sie zuckte unbehaglich mit den Schultern.

Kerstin“, sanft strich ich über ihre Hand und blickte ihr ernst in die Augen. „Es ist ja nicht so, dass ich keine eigene Familie will. Nur leider kann ich keine Kinder zeugen, weil ich Krebs hatte und zu 91 Prozent zeugungsunfähig bin. Verstehst du? Ich werde niemals Vater werden können und du, wenn du mit mir zusammen bleibst, nie Mutter.“

Über Kerstins Gesicht huschte ein Lächeln. Sie nahm meine rechte Hand und küsste zärtlich jede einzelne Fingerspitze, bevor sie mich wieder ansah. „Und du glaubst tatsächlich, dass mich das davon abhalten könnte dich zu lieben?“

 

 

 

Unsere Hochzeit, zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung war ein rauschendes Fest. Ich war so glücklich und hätte Kerstin am liebsten die Welt zu Füßen gelegt. Wir führten eine harmonische Ehe, sparten Geld für die Anzahlung eines Eigenheims auf die Seite, reisten viel in der Welt herum – kurz, wir führten ein wunderbares und sorgenfreies Leben.

Unsere Probleme begannen, als Kerstins Arbeitskollegin schwanger wurde und ein niedliches kleines Mädchen auf die Welt brachte.... Unser erster Besuch bei der frisch gebackenen Mutter hat sich mir tief ins Gedächtnis eingebrannt. Wie Kerstins Augen gestrahlt haben, als sie diese winzig kleinen Finger berührte und den süßen Babyduft ein sog.

91 Prozent sind ja noch lange nicht 100 Prozent“, sagte sie an jenem Tag auf dem Weg nach Hause und sah mich lächelnd an. „Lass es uns wenigstens versuchen. Vielleicht klappt es ja doch: Auch Ärzte können sich schließlich irren.“

Ich weiß noch, dass sich mein Magen in dem Moment angefühlt hat, als hätte ich eine Bowlingkugel verschluckt. Plötzlich war mir hundeelend zu Mute.

Wahrscheinlich hatte ich zu dem Zeitpunkt schon geahnt, welche Wende mein Leben fortan nehmen würde...

 

 

Beate ist schwanger.“ Inzwischen hatte ich gelernt zwischen den Zeilen zu lesen und wusste, dass Kerstins Satz ein einziger Vorwurf war.

Ich seufzte.

Du hast doch gewusst, auf was du dich einlässt, wenn du mich heiratest. Wir haben oft genug darüber gesprochen.“

Ja, ich weiß“, schnauzte Kerstin. „Das Problem ist nur, dass ich damals erst 23 Jahre alt war. Im Grunde selbst noch ein halbes Kind. Wer denkt da schon an Familiengründung. Inzwischen bin ich fast 30 und viele meine Freundinnen sind mittlerweile Mutter geworden. Ist doch klar, dass mich das nicht völlig kalt lässt. Für viele Frauen gehört es einfach zum Leben dazu, irgendwann selbst Mutter zu sein.“

Ich erstarrte.

Was willst du also tun?“

Kerstin sah mich unbehaglich an. „Ich weiß es nicht. Fest steht jedenfalls, dass du definitiv keine Kinder zeugen kannst: Oft genug haben wir es probiert und deine damalige Diagnose neu überprüfen lassen. Uns bleibt also nur, ein Kind zu adoptieren...“

Ich schluckte. „Wäre das für dich denn eine wirkliche Alternative?“

Kerstin schüttelte den Kopf. „Und genau das weiß ich eben nicht.“ In ihren Augen standen Tränen. „Ich weiß es wirklich nicht.“

 

 

Als Kerstin und ich die Scheidung einreichten, schworen wir uns, während der Trennungsphase rücksichtsvoll und fair miteinander umzugehen.

Wir trennen uns ja nicht, weil wir einander nicht mehr lieben“, erklärte Kerstin und sah mir aufrichtig ins Gesicht.

Mein Herz fühlte sich beinahe so an, als würde es von innen zerrissen, als wir schließlich unser Haus ausräumten, um es zum Verkauf freizugeben. Jeder von uns hatte sich eine eigene Wohnung gemietet, der Erlös des Hauses sollte geteilt werden.

Als Kerstin und ich am Tag des Umzugs die Tür unseres Hauses ein letztes Mal ins Schloss fallen ließen, war es, als zöge unser gemeinsames Leben noch einmal an mir vorbei. Ich sah uns auf unserer prachtvollen Hochzeit, auf all unseren herrlichen Reisen, in schicken Restaurants und auf einmal wurde mir klar, wie naiv ich doch gewesen bin. Hatte ich mir wirklich eingebildet, Kerstin würde auf das Glück, Mutter zu werden verzichten und statt dessen ein Leben mit mir vorziehen? Ich schüttelte angewidert den Kopf. Was war ich nur für ein Dummkopf!

Als Kerstin und ich uns zum letzten Mal küssten, spürte ich, dass es tatsächlich aus war. Aus und vorbei. Ich ahnte, dass sie schon sehr bald über unsere Trennung hinweg sein und sich ganz darauf konzentrieren würde, einen Mann zu finden, der sie wirklich glücklich machen konnte.

 

Nach der Scheidung war ich über zwei Jahre lang allein und weil ich irgendwann das Bedürfnis verspürte, woanders nochmal neu anzufangen, ließ ich mich versetzen und zog nach München. Dort baute ich mir ein neues Leben auf. Ein einsames Leben...Ich fühlte mich nämlich völlig außerstande, auch nur daran zu denken, mich je wieder neu zu verlieben. Ich stand morgens auf, ging zur Arbeit, aß zwischendrin und ging am Abend zu Bett. Ich weilte zwar unter den Lebenden, doch irgendwie fühlte sich mein Dasein an, als wäre ich längst tot.

In dieser Phase meines Lebens lernte ich Marie kennen. Meine wunderbare Marie, die Frau, die mich aus meinem erstarrungsähnlichen Zustand befreite.

 

Marie ist circa ein halbes Jahr nach mir nach München versetzt wurden, und gehörte deswegen, quasi von einem Tag auf den anderen, zu meinem Team. Anfangs fielen mir lediglich ihre ansteckende Fröhlichkeit und dieser unerschütterliche Elan auf, mit dem sie täglich ihre Arbeit verrichtete. Sie wurde nicht nur von mir, sondern von allen Kollegen sofort ins Herz geschlossen. Jeder liebte ihr hilfsbereites, liebenswertes Wesen, ihr lustiges Geplapper und ihr herzerfrischendes Lachen. Doch vor allem auf mich hatte Marie ziemlich bald eine Wirkung, die ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht mehr erhofft hätte... Ich blühte in ihrer Gegenwart förmlich auf, genoss es, mit ihr zusammen zu arbeiten. Eines Tages wurde mir klar, dass ich dabei war, mich in sie zu verlieben. Ich bekam Herzklopfen, wann immer ich in ihre wunderschönen dunkelgrünen Katzenaugen blickte, konnte mich nicht mehr richtig konzentrieren, wenn sie neben mir stand und ich ihren wunderbaren süßen Duft einatmete. Ich hatte lange Zeit nicht mehr daran geglaubt, dass es mich eines Tages doch wieder erwischen und ich mich neu verlieben würde. Plötzlich verging kein Tag, an dem ich mir nicht ausmalte, wie es wäre, mit Marie zusammen zu sein, sie zu küssen und in den Armen zu halten. Trotzdem hätte ich es nie über mich gebracht, sie anzusprechen und ihr meine Gefühle zu gestehen. Doch dann kam der Tag an dem Marie mich ansprach:

Ich habe gehört, dass sie Musicals mögen, Herr Färber. Von meinem Bruder habe ich nämlich zwei Karten für die Samstag - Abendvorstellung bekommen. Das Phantom der Oper wird aufgeführt und da mein Bruder selbst kurzfristig verhindert ist und nicht mit kann, wollte ich die Karten nicht einfach so verfallen lassen. Wenn Sie also Lust hätten, mich zu begleiten?“

Ich war total hin und her gerissen. Karl, mein Kollege und Kumpel, grinste was das Zeug hielt.

Da scheint wohl jemand in dich verschossen zu sein.“

Quatsch“, argumentierte ich. „Marie will lediglich ihre Karten nicht verfallen lassen. Nur deswegen hat sie gefragt, ob ich mitkomme.“

Karl grinste noch breiter: „Mensch Kumpel, du stehst ja sowas von auf dem Schlauch.“ Er schüttelte den Kopf. „Du musst blind sein, wenn du nicht siehst, dass die Marie total auf dich steht...“

An jenem Abend dachte ich lange über Karls Worte nach. Was, wenn es stimmte, dass Marie an mir interessiert war? Wollte ich mich dann wirklich nochmal auf eine feste Beziehung einlassen, auch auf die Gefahr hin, dass es am Ende wieder nur auf eine Trennung hinauslief? Ich schlief mit dem Gedanken ein, gleich am nächsten Tag mit Marie zu reden. Ihr musste ihr klar machen, dass ich nicht der Richtige für sie war und beschloss, notfalls eben Desinteresse vortäuschen, um sie mir vom Leib zu halten.

 

Und, wie hat ihren die Vorstellung gefallen?Ich fand sie einfach wunderbar.“ Marie seufzte glücklich und strahlte mich vom Beifahrersitz aus an.

Hektisch wich ich ihrem Blick aus, als die Schmetterlinge in meinem Bauch erneut anfingen, Purzelbäume zu schlagen. Eigentlich hatte ich Marie gar nicht nach Stuttgart begleiten wollen, doch dann konnte ich einfach nicht ablehnen...

Was soll denn schon dabei sein, wenn wir uns gemeinsam ein Musical ansehen, hatte ich gedacht und schließlich, auf das Drängen meines Kumpels Karl hin, zugesagt. Dabei hatte ich nicht damit gerechnet, wie sehr mich Marie in ihren Bann ziehen würde. Ich war völlig machtlos, als sie mir schließlich beim Verabschieden einen Kuss aufdrückte. Mein Gehirn musste in jenem Moment ausgesetzt haben, denn als ich wieder zu mir kam, lag Marie, eng an mich gepresst, neben mir in meinem Bett. Mir wurde klar, dass ich von nun an nichts mehr tun konnte, als zu nehmen, was immer sie mir geben wollte. Ich war ihr längst hoffnungslos verfallen und hatte weder die Kraft noch den Willen, mich gegen meine starken Gefühle zu wehren.

 

 

Am Anfang unserer Beziehung hatte ich den festen Vorsatz, offen und ehrlich mit Marie zu sein. Sie sollte, genau wie Kerstin selbst entscheiden dürfen, ob sie es sich vorstellen könnte, auch ohne eigene Kinder mit mir glücklich zu werden. Doch genau so schnell wie ich den Mut gefasst hatte, ein ernstes Gespräch mit ihr zu führen, so schnell verließ er mich jedesmal wieder. Es vergingen Wochen, Monate und noch immer ahnte Marie nicht, auf was sie sich einließ, wenn sie mit mir zusammen blieb. Irgendwann kam ich an den Punkt, an dem mir klar wurde, dass ich den Zeitpunkt, offen und ehrlich zu sein, schon längst versäumt hatte. Ich weiß nicht mehr, welcher Teufel mich geritten hat, als ich schließlich beschloss, ihr nichts von meinem „Problem“ zu erzählen. Wahrscheinlich war es meine übermächtige Angst davor Marie, genau wie einst Kerstin, zu verlieren.

Und obwohl mich mein schlechtes Gewissen, die Frau die ich liebe zu belügen beinahe aufgefressen hat, habe ich mich irgendwann damit arrangiert, und das miese Gefühl dabei, so gut es ging verdrängt...

 

 

Was hältst du davon wenn wir heiraten?“ Trotz meines verdatterten Blicks strahlte Marie übers ganze Gesicht.

Zwar wusste ich, dass man bei ihr mit allem rechnen musste, doch einen Heiratsantrag hätte ich nun wirklich nicht erwartet.

Ist das dein Ernst?“ Mir war auf einmal ganz komisch zu Mute....

Klar, ich liebe dich und könnte mir nichts Schöneres vorstellen, als deine Frau zu werden und eine Familie mit dir zu gründen.“

Peng! Das hatte gesessen.

Marie muss mir den Schock angesehen haben, denn auf einmal war sie selbst ganz weiß um die Nase herum.

Naja, wenn du mich nicht heiraten willst, dann verstehe ich das natürlich...“ Sie klang verletzt.

Mit größter Kraftanstrengung versuchte ich mich an einem Lächeln und nahm sie fest in meine Arme.

Ich wäre ja total verrückt wenn ich es mir entgehen ließe, mein Leben lang eine Frau wie dich an meiner Seite zu haben.“

Marie strahlte wieder. „Dann sagst du also ja?“

Ich nickte. Der Kloß in meiner Kehle hinderte mich am Sprechen.

Marie jauchzte. „Du weißt gar nicht, wie glücklich du mich damit machst. Schon als ich dich in der Firma zum ersten Mal gesehen habe wusste ich, dass du der Mann bist, an dessen Seite ich alt werden möchte.“

Mir wurde immer übler...

Ich habe mir noch nie zuvor so sehr gewünscht, einfach im Erdboden zu versinken und nie wieder aufzutauchen.

 

 

Einen Tag vor Maries und meiner Hochzeit unternahm ich einen letzten Versuch, die Karten offen auf den Tisch zu legen. Mein schlechtes Gewissen saß mir im Nacken. Alles in mir sträubte sich, mit einer Lüge in den Bund der Ehe zu treten. Statt dessen wollte ich ehrlich zu meiner zukünftigen Frau sein und ihr, wenn auch sehr kurzfristig vor der Hochzeit, noch Gelegenheit dazu geben, es sich gegebenenfalls anders zu überlegen.

Doch als ich sie an der Hand ins Wohnzimmer führte, um mit ihr zu sprechen, brachte ich keinen Ton über meine Lippen. Ich konnte Marie nur anstarren und mich still fragen, wie ich - im Fall sie würde mich verlassen - mein Leben ohne sie weiterleben konnte, ohne verrückt zu werden. Das Sprichwort: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ kam mir in diesem Moment wie der größte Betrug aller Zeiten vor...Trotzdem beschloss ich, mich genau daran zu halten...

 

 

Aber wir probieren es doch schon seit Monaten...“ Gedämpft vernahm ich Maries Stimme aus dem Schlafzimmer, wo sie mit ihrer besten Freundin Hannah telefonierte und ihr ihr Herz ausschüttete.

Seit unserer Hochzeit waren ein Jahr und sieben Monate vergangen und Maries Wunsch, eine Familie zu gründen, immer mehr in den Vordergrund getreten. Ich selbst hatte mich inzwischen völlig um Kopf und Kragen geredet und behauptet, dass ich, genau wie sie, von einer Familie träume und mindestens zwei Kinder wolle. Ein Mädchen und einen Jungen. Marie war entzückt darüber und sprach von nichts anderem mehr.

Sie hatte die Pille abgesetzt, um schwanger werden zu können und die Tatsache, dass es noch immer nicht geklappt hatte, beunruhigte sie.

Hättest du was dagegen, zum Arzt zu gehen und dich untersuchen zu lassen?“, fragte sie mich eines Abends und sah mich entschuldigend an. „Ich glaube zwar nicht, dass es an dir liegt, möchte aber trotzdem gerne alle Eventualitäten überprüfen lassen. Ich selbst werde natürlich auch zum Arzt gehen.“

Mir wurde heiß und kalt zugleich. Ich musste meiner Frau nur in die Augen sehen, um zu erkennen, dass sie keine Ruhe geben würde, bis sie endlich Gewissheit hatte.

Klar.“ Ich riss mich zusammen und nickte. „Ich mache gleich morgen früh einen Termin bei Dr. Ruhl, meinem Urologen aus.“ Das Herz klopfte mir bis zum Hals.

Jetzt war es also bald soweit, dass mein Lügenkarussell über mir zusammenstürzen und Marie mich verlassen würde...

 

Mein Inneres krampfte sich schmerzhaft zusammen und anstatt meine allerletzte Chance zu ergreifen, endgültig mit der Wahrheit rauszurücken um sauber aus der Sache rauszukommen, redete ich mir ein, dass ich gar nicht mehr anders könne, als weiterzulügen.

Bei mir ist alles okay.“ Ich sah Marie fest in die Augen, sehr darauf bedacht, mich keinesfalls durch ein unsicheres Blinzeln zu verraten.

Das hab ich mir schon fast gedacht.“ Marie starrte auf ihre Schuhspitzen. Sie sah aus, als wolle sie jeden Moment in Tränen ausbrechen, zwang sich aber trotzdem zu einem Lächeln, als sie schließlich ihren Blick hob. „Aber immerhin wissen wir jetzt, wo der Hund begraben ist.“ Sie seufzte.

Mach dir doch nicht so viele Gedanken“, versuchte ich, sie zu beruhigen. „Das bei mir alles in Ordnung ist bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass bei dir etwas nicht stimmt. Warten wir doch erstmal deine Ergebnisse ab und sehen dann weiter...“

Nach kurzem Überlegen nickte Marie. Ich atmete erleichtert auf. Sie schien sich zu fangen...Vorerst.

 

Doch als Marie, acht Monate nachdem sie ihre Untersuchungsergebnisse ebenfalls bekommen hatte, noch immer nicht schwanger geworden war, verfiel sie in eine tiefe Depression.

Sie glaubte inzwischen fest daran, dass es allein an ihr lag. Zwar versuchte ich, genau wie die Ärzte, sie vom Gegenteil zu überzeugen – doch umsonst. Marie gab sich die Schuld an allem und zog sich immer mehr in sich selbst zurück. Sie aß kaum noch, schlief schlecht und magerte bis auf die Knochen ab. Ihre Eltern, Freundinnen und Kollegen – sie alle machten sich große Sorgen um Marie. Helfen konnte ihr aber niemand..

Wahrscheinlich machte ihr nicht nur die Tatsache, dass sie Gefahr lief, ihr Leben lang kinderlos zu bleiben, zu schaffen. Viel mehr schien sie eine Heidenangst davor zu haben, dass ich sie verlassen könnte, wenn sich bei ihr auch weiterhin keine Schwangerschaft einstellen würde.

Was willst du eigentlich noch von mir?“ schrie sie eines Tages frustriert, als ich wieder mal versuchte, sie in den Arm zu nehmen und ihr Trost zu spenden, nachdem sie ihre Periode bekommen hatte. „Du willst Kinder und ich werde wohl nie welche bekommen können. Am besten du suchst dir eine richtige Frau...eine, die dir deinen größten Wunsch auch erfüllen kann.“

Ich zuckte zusammen.

Jedes von Maries Worten fühlte sich an wie ein Stich mitten ins Herz...Es wäre so einfach gewesen, all ihre Zweifel und ihren Kummer einfach wegzuwischen. Es hätte mich nichts weiter gekostet außer der Wahrheit. Eine Wahrheit, die sie schon längst verdient hätte. Doch noch immer wollten mir diese Worte einfach nicht über die Lippen kommen.

Mein größter Wunsch ist es aber, mit dir alt zu werden“, sagte ich statt dessen leise und drückte Marie fest an mich. „Ich muss nicht unbedingt Kinder in die Welt setzen. Nicht um jeden Preis.“

Sie entzog sich mir und blitzte mich zornig an. „Sag doch sowas nicht! Ich weiß genau was du willst. Mindestens zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Denkst du etwa, ich hätte das vergessen?“

In ihren Augen schwammen Tränen. Sie war völlig außer sich. „Nur weil ich nicht fähig bin, schwanger zu werden, musst nicht über Nacht deine Zukunftspläne über den Haufen werfen.“

Ein Frösteln überkam mich. Was war ich nur für ein jämmerlicher Schlappschwanz!

Aber wer sagt denn, dass du niemals Kinder haben wirst?“, erwiderte ich genauso heftig, um meine Unsicherheit zu überspielen und war mir der Bedeutung meiner Worte nur allzu bewusst. „Laut Untersuchungen bist du doch kerngesund. Es ist also nur noch eine Frage von Zeit, bis es endlich klappt. Das Wichtigste dabei ist aber, dass du nicht aufhörst, daran zu glauben.“

 

 

Das war vor etwas mehr als zwei Monaten. Mit einer Schwangerschaft hat es – ganz klar – noch immer nicht geklappt. Wie auch? Schließlich bin ich so zeugungsunfähig wie eine Schaufensterpuppe bei Karstadt. Marie verzweifelt deswegen täglich mehr. Zuerst hofft sie Monat für Monat aufs neue, dann lässt sie einem Arztbesuch den nächsten folgen, immer mit dem Hintergedanken, doch noch herauszufinden, wo genau bei ihr das Problem liegt. Auf die Idee, die Ursache unseres Dilemmas bei mir zu suchen, kommt sie nicht. Sie vertraut mir und glaubt alles was ich ihr über meine angeblichen Arztbesuche erzählt habe. Das macht es mir natürlich noch viel, viel schwerer... denn obwohl ich weiß, dass ich nie mehr zurück kann, ohne mein Gesicht zu verlieren, ist mir klar, dass ich nicht mehr lange die Kraft haben werde, mein falsches Schweigen aufrecht zu erhalten. Ich habe zwar schon jetzt wahnsinnige Angst davor, meine Frau gehen zu lassen, doch noch mehr Angst habe ich, weiterhin miterleben zu müssen, wie sie meinetwegen völlig vor die Hunde geht.

 Ende